Frohes Fest!

Ich habe mich ja schon länger gefragt, wieso eigentlich nicht das ganze Jahr über Oster- und Weihnachtsgeschnöker und singendes, wackelndes, krümelndes, beleuchtetes, aufdringlich-„witziges“ Dekorier angeboten wird. Wo doch Weihnachten seit mindestens einer Generation schon im August/September losgeht und Ostern allerspätestens im Februar. – Ich will die restlichen Monate auch vollhaben!

Und?!?

Hier ist –endlich– die Ganzjahreslösung:
Lebkucheneier
Diese verrückten Wissenschaftler, immer! Dann will ich mal den abwaschbaren Tan- nenzweig wieder aus dem Keller holen, um bunte Eier dran zu hängen.

– Mensch, hoffentlich schneit’s noch pünktlich zum Fest…

Beim oder über’s Essen reden.

Neulich war ich bei Freund J. zum Geburtstag (das ist der nunmehr 43-jährige Mann mei- ner lieben Freundin S.) und habe dort nicht nur eine behagende Erbsensuppe gegessen, sondern mich auch einem „gemischten Tütchen“ vergriffen, das da ein bisschen hilflos herumlag. Erwischt habe ich daraus ein merkwürdiges rundes, braunes Ding, von dem ich dachte, es schmecke vielleicht nach Cola-Kaubonbon mit Brausefüllung. Sollte es wohl eigentlich auch. In Wirklichkeit muss es aber eine Badeschaumtablette oder Schlimmeres gewesen sein… – Probieren die das in der Fabrik eigentlich selber nicht, bevor sie es an Kioske verkaufen? Ich dachte bisher, dafür gibt’s Fachpersonal! Soviel Bier kriegt man ja gar nicht runter, um diesen Geschmack wieder wegzuspülen…

Freundin S. fand dann aber, so ein schönes Colabad sei doch sicher gar nicht mal das Schlechteste. Es prickelt wahrscheinlich schön und man kann zwischendrin auch immer mal einen Schluck nehmen (wirkt belebend!). Auf meinen Einwand hin, man könne sich aber anschließend nicht einfach so ins Bettchen legen, weil: wenn man dann morgens aufstehen will und die ganze Bettwäsche klebt an einem fest, und man muss sie unter unangenehmen Klettverschlußgeräuschen erst mal kräftig abziehen, das versaue einem doch irgendwie gleich die Laune für den ganzen Tag, meinte sie nur fröhlich: „Wieso?!? Haste Ganzkörperepilation gleich mit dabei! Ist doch total praktisch!“

Ich wette, sie arbeitet schon fleißig an der Konkretisierung dieser Geschäftsidee.

Ein paar Tage später traf ich R. auf dem Weg zur Arbeit (seine Firma residiert nicht weit von meiner). Er kann sich unsichtbar machen, will mir den Trick aber ums Verrecken nicht verraten. Ich weiß nämlich, dass er immer um 8 Uhr anfängt, und wenn ich das auch mal tue, halte ich im Zug und beim Aussteigen nach ihm Ausschau. Immer erfolglos. Aber wenn ich den Bahnhof verlasse, höre ich doch wieder eine fröhliche Stimme hinter mir: „Morgen, Frau G.!“ (Langsam hege ich jetzt den Verdacht, er fährt schon um 7 Uhr los und lauert dann irgendwo hinter dem Fahrstuhlkabäuschen auf mich.) Wir gehen also zusam- men ins Gewerbegebiet und sehen dort ein Marktauto herumfahren, das die Firmenhöfe nacheinander ansteuert. Es handelt sich um eine für ihren Zustand und ihr geschätztes Alter erstaunlich mobile Brötchentheke.

R: “Kommt die eigentlich auch zu Euch, die Schnitzelfee?“

Ich: „Joh, aber ich bring’ meine Schnitzelbrote ja von zuhause mit.“

R: „Is’ besser so.“

Ich: „Wieso? Nicht gut bei denen?“

R: „Wohl ’ne Menge Haare drauf.“

Ich: „Wo? Aufer Schnitzelfee oder den Broten?“

R: „…“

Ja, wir haben eine Menge Spaß.

Spaß hatte ich auch am Donnerstag. Da hat mich Freundin T. von der Arbeit abgeholt und zum Portugiesen eingeladen. Freundin T. und ich haben uns nämlich ungefähr zwei lange Monate nicht gesehen, weil wir einfach so irre viel arbeiten mussten. In besonders stres- sigen Phasen schickten wir uns aber gegenseitig aufmunternde sms: „Schnurzelchen, halte aus! Ohren anlegen und im Tiefflug drunter durch!“ – „Hasenschnute, lass’ Dich nicht ärgern! Die sind alle doof und stinken! Du packst das!“

Und ich muss sagen: Frauensolidarität im Häkelspitzendeckchenton wirkt!

Als wir dann beim Portugiesen saßen und so herumhühnerten, fiel mir ein bestimmtes doofes Wortspiel nicht ein, das ein Handwerker am Telefon gemacht hatte. Irgendwas mit einer Stadt im Ruhrgebiet. Und ich murmelte immer: „…mit D…, Düsburch, Düsseldorf… – nee, waddema: Dortmund…?“

Freundin T.: „Bochum!“

Ich: „Mit D, manno! Mit D! Nicht B…“

Und T. mal wieder, ganz typisch: „Na wieso? Wenn man den Gürtel abmacht…!?“

Kastanienflug!

Nein, das ist nicht etwa ein verloren gegangenes und wieder aufgefundenes Musikstück von Herrn Rimsky-Korsakow*, sondern bloß eine Ankündigung.

Einige Vorwitzige haben in den letzten Wochen ja schon den Frühling ausgelobt, weil zarte Schneeglöckchen im Garten auftauchten oder Zugvögel vorbeigetrötet kamen. Für mich beginnt der Frühling aber erst dann, wenn’s auch auf Augenhöhe endlich grün wer- den will.

Und gestern habe ich auf dem Weg zur Bahn nun dieses feine Foto machen können:

Knospen

Es ist also soweit: Freunde, kramt Eure verknüdelten Taschenbewohnerinnen hervor und bedankt und verabschiedet Euch!

Denn am Sonntag fliegen sie!
Ich schlage vor, um 12 Uhr.

Kastanien_Jan09
Das Wetter soll in den nächsten Tagen übrigens mild, aber relativ durchwachsen werden. Also, Schirm nicht vergessen.

Wer seine Kastanie inzwischen verbummelt hat oder gar nicht
erst eine gefunden, kann ja trotzdem mitmachen und
z.B. eine olle Walnuss
schmeißen, einen Kie-
selstein, (auf den man
ja „Doofer Winter“ oder
so draufschreiben könnte).
Oder das ausgeleierte Paar oller Wintersocken, meinetwegen. (Das ist natürlich nur bedingt zu empfehlen, denn das müsste man korrekterweise ja wieder einsammeln und mitnehmen.) – Nicht so wichtig, Hauptsache, alles fliegt um zwölf!

Der Winter war zäh, aber Sonntag schmeißen wir ihn raus…

Frühlingshafte Grüße an alle Kastanienbeweger!
Eure Theo

* „Hummelflug“ gibt’s aber sicher auch bald!

Kein Zeit.

Als ich noch ein Teenager war (damals fand man diese Bezeichnung übrigens noch nicht „voll daneben“ oder „geht ja gar nicht!“, denn „Jugendlicher“ oder sogar „halbwüchsig“ woll- te man erst Recht nicht sein; – dafür hießen aber die Kinder immerhin noch „Kinder“ und nicht etwa „Kids“, da muss ich nämlich immer an kleine Rehe denken), – also, als ich noch ein Teenager war, hatte ich eines Sommers eine beste Freundin namens Susanne und wir waren zufällig auch noch mit zwei dick befreundeten Jungs verbandelt, so dass wir natürlich immer als Vierergruppe rumlümmelten. Und als wir mal gegen Abend bei Susan- ne im Garten lümmelten, kam ihr Vater zackigen Schritts von irgendwoher nach Hause und erwiderte unser artiges Grüßen mit einem knappen: „Kein’ Zeit, Sportschau!!!“ Daraufhin verschwand er fix im abgedunkelten Wohnzimmer.

Seither hieß er bei uns „KeinzeitSportschau!“ und ich hätte seinen richtigen Namen be- stimmt irgendwann vergessen, wenn der nicht auf dem Klingelschild gestanden hätte, das ich ja immer wieder vor Augen hatte, wenn ich Susanne abholen ging oder so.

Meine beliebteste Angstvorstellung ist zurzeit, dass mich bald mal Einer umtauft in „KeinzeitArbeit!“, weil ich Anfragen grundsätzlich mit dem Verweis auf meine neue Maloche abschmettere. Und wenn ich nicht arbeite, dann habe ich Hunger. Heißt, ich gehe auf die Schnelle einkaufen, brutzele mir was, oder esse. Wenn ich nicht schlafe. Alles andere kommt auf die Liste, sonst vergess’ ich das.

Die Liste sieht in etwa so aus:

– Kämmen.
– Auch mal aus dem Fenster gucken.
– Die ausnahmsweise nicht geklaute Zeitung überfliegen.
– Erst duschen, dann anziehen!
– Und Schuhe nicht vergessen!
– Bloggen.
– Aber worüber?
– Sprossen pflegen.
– Staub langmöglichst ignorieren.
– Das Weiße ist Zahnpasta, das Gelbe ist Mayo.
– Mal ne Freundin anrufen.
– Einfach mal sitzen.
– Draußen gucken, ob’s schon Frühling wird.
– Usw…

Frühling wird’s jedenfalls anscheinend noch nicht, es soll sogar noch mal richtig eklig werden, aber mit ein bisschen Glück könnten vielleicht nächsten Sonntag ein paar Kastanien…? – Na, warten wir’s ab.

Übrigens habe ich in meinem letzten Eintrag über’s Bahnfahren noch eine Kleinigkeit vergessen.

Zur Messezeit gibt’s hier in den Bahnhöfen immer die hübsche englische Durchsage: „Beware of Pickpockets!“ Das Wort Pickpockets finde ich ausgesprochen niedlich und es ist fast ein bisschen schade, dass davor nicht das ganze Jahr über gewarnt wird. Ich stel- le mir nämlich vor, dass so ein Taschendieb sich morgens einen langen Storchenschnabel umbindet, mit dem er dann den armen, naiven Messegästen die Geldbörsen aus den Ho- sentaschen pickt. Und auch die Franzosen scheinen das Wort zu mögen, oder aber es gibt kein eigenes Wort für Taschendieberei im Französischen. Denn die französische Version der Durchsage klingt tatsächlich so: „Attention á piquepockettes!“

 – Also, wenn das die Académie Francaise mitkriegt!

Bewegte Tätigkeiten.

Es heißt ja manchmal, die Leute würden ja gar nicht mehr lesen. Aber die, die sowas sagen, fahren nie Straßenbahn, glaube ich.

Das ist ja, als würde ich behaupten, Maschinenbauer würden grundsätzlich nicht rauchen. Ich kenne schließlich keinen einzigen, der das tut. Ich kenne allerdings auch keinen, der es nicht tut.

In der Straßenbahn und im Zug wird jedenfalls jede Menge gelesen. Es gibt tatsächlich sogar sowas wie zeitliche „Leseschichten“: nämlich Zeitungszeit (8:00 bis 9:00 Uhr) und Bücherzeit (ab 9:00). Das sind vermutlich hauptsächlich Berufstätige, die an ihre Fließ- bänder und in ihre Büros fahren. Davor gibt’s aber noch die MP3-Playerzeit (7:00 bis 8:00) der Schüler. Sicher sind auf den Playern massig Hörbücher drauf… Neulich stand z.B. Einer im Abteil, der hörte offenbar ein Technobuch, jedenfalls rummste es immerzu aus seinem Kopf und plöppte rhythmisch dazu. Dazwischen schrie eine weibliche Stimme immer wieder den Namen „Maaartin!“ oder so ähnlich.

Wieso auch nicht? Ich selbst kenne einen ausgesprochen netten Martin sogar persönlich, bin allerdings bisher nie auf die Idee verfallen, ihm mal ein zünftiges Geboller zu kompo- nieren. Pech. Jetzt ist mir jemand zuvor gekommen. Ich hoffe, der gute Martin ist mir jetzt nicht böse. Ehrlich gesagt glaub’ ich aber, der würde sich sowieso bedanken.

Zwischen den Lesenden sitzen übrigens manchmal Frauen, die sich schminken. Das finde ich irre! Die holen da wirklich Spiegel, Make-Up, Puder, Lidstrich, Rouge und Lippen- stift aus riesigen Kulturbeuteln (Entschuldigung: das heißt sicher Beautycase) und los geht die Fahrt. Zwischendrin werden widerspenstige Strähnen ins oder aus dem Gesicht gezupft. Ich kann gut verstehen, dass man die Zeit in der Bahn sinnvoll nutzen möchte, dann kann man schließlich 9 oder 13 Minuten länger im Bett liegen bleiben. (Es ist ja nur in den amerikanischen Filmen so, dass Frauen schon mit leichtem Tages-Make-Up auf- wachen.)

Ich mache es mir da einfacher und schminke mich einfach so gut wie gar nicht. Etwas Wimperntusche und ein bisschen Rouge. (Außer vorgestern, als das Fernsehen bei der Arbeit da war. Da habe ich sogar mal ein wenig „grundiert“, damit es nachher nicht heißt: „Und wer ist die Wasserleiche, die da hinten durchs Bild marodiert?“) Sowas dauert keine Minute, und deswegen mache ich das ungewöhnlicherweise in meinem eigenen Badezim- mer. Ebenso übrigens das Kämmen, Zähneputzen und noch ein paar andere Sachen.

Die Zeit in der Bahn zu nutzen, finde ich trotzdem irgendwie gut. Vielleicht nehme ich morgen einfach mal die Bügelwäsche mit.

Dingdingding!!! – Fuffzich Punkte und Freispiel!

Übrigens habe ich mir überlegt, Einträge, die mit meinem neuen Job zu tun haben, nur für Freunde sichtbar zu posten. Nicht, dass einer der Kollegen nachher noch mitliest, man weiß ja nicht.

Es ist übrigens wirklich sehr anstrengend, und das liegt nicht etwa daran, dass ich „das Arbeiten nicht mehr gewöhnt“ bin, oder sowas. Ich glaube, Flipperkugeln finden ihre Arbeit auch irgendwie anstrengend. Aber vielleicht gewöhnen sie sich auch mit der Zeit daran. Allerdings müssen die sich nicht auch noch merken, was sie noch alles machen müssen und wo sie eben noch mal gewesen sind und wieso, während schon wieder das Telefon klingelt und die Kollegin „mal eben“ was will.

Es macht aber auch oft Spaß und ich bekomme langsam auch mal ein Lob für meinen Einsatz. Zu Beginn hatte man sich damit zurückgehalten und mich eher abwartend be- äugt, weil meine Vorgängerin wohl so ziemlich das war, was man „unkonzentriert“ nennt. Sie war seit September die Nachfolgerin der Vorvorgängerin, und die soll auch nicht ge- rade das Rad erfunden… Naja.

Die vor mir jedenfalls hat die Probezeit nicht vollgekriegt und zum Dank hat sie uns (ich vermute aber, versehentlich) ein paar Schleich-U-Boote hinterlassen. Es tauchen im Ter- minkalender nämlich plötzlich Termine auf, die gar nicht gebucht sind. Und Buchungen, die nicht im Kalender stehen. Und deshalb haben wir überhaupt nur durch Zufall erfahren, dass bspw. am Dienstag eine Gruppe von 30 Senioren bei uns vor Tür stehen wird, wild entschlossen, eine informative und unterhaltsame Führung mit anschließender Käsever- kostung zu bekommen.

Dienstag ist übrigens der Tag, an dem auch sowieso ein ganztägiges Schulungsseminar bei uns abgehalten wird, ein superwichtiger Kunde kommt, abends eine Degustationsver- anstaltung läuft und das NDR-Fernsehen den ganzen Tag Aufnahmen für eine regionale Sendung machen wird (und vermutlich alles vollstellen mit Technik und sich selbst). Eins davon ist normalerweise schon ausreichend, weil man den Bürokram ja auch die ganze Zeit noch nebenbei mitlaufen hat.

Na, wir werden das schon wuppen. Gesetzt den Fall, dass sich nicht auch noch heraus- stellt, dass die Autobahn am Dienstag zufällig durch unsere Räume umgeleitet werden wird, weil da die Leitplanken mal wieder ordentlich nachgezogen werden müssen oder sowas.

Immerhin, ich habe das erste Mal Gehalt bekommen, und habe mir gestern im totalen Reformhaus-Kaufrausch eine neue Keimbox gekauft! Das ist so ein Glas mit Löcherdek- kel, in dem man gesunde Keimlinge selber ziehen kann, um sie sich aufs Brot oder den Salat zu fusseln.

Und Vitamine, die kann ich sicher ganz gut gebrauchen…

Medizinische Vorbeugung.

Ich trag’ ja im Winter meistens Strumpfhosen drunter, weil mir das sonst zu kalt wird. Ich weiß, dass das Viele jetzt lieber gar nicht so genau wissen wollten, besonders die Herren nicht.

Denn Frauen in schwarzen Baumwollstrumpfhosen sind auf der „supersexy“- Skala irgend- wo zwischen dem eingelegten Obst und der alten Skiausrüstung. Im Keller, nämlich. Das ist mir aber egal. Draußen muss ich ja normalerweise nicht sexy sein, jedenfalls nicht im Winter. Und deswegen: Strumpi. Dieses ausgesprochen schöne Wort habe ich übrigens von Freundin S., bei der es allerdings meistens in der kritischen Frage auftaucht: „Haste mal wieder Strumpi unter? – Wo die doch so auftragen!“

Find’ ich übrigens gar nicht. Außerdem schadet so ein bisschen Auftrag meiner Figur nicht im Mindesten. Sollen doch die Anderen frieren und Blasenkatarrhe kriegen! Da seh’ ich lieber dick aus.

Jedenfalls, gestern hatte ich die Strumpfhose schon an, als ich feststellte, dass ich links ein Zehenloch drin hatte. Erst wollte ich trotzdem so los, aber nachher drückt mich der Rand beim Laufen, und dann gehe ich komisch, und dann raunen die Leute hinter mir auf der Straße: „Guck’ mal, die Dicke, die geht aber komisch!“, und das wollte ich dann lieber doch nicht.

Also hab’ ich mein Handarbeitskörbchen mit Nadel und Faden geholt (mich bald gefreut, dass ich es immer noch schaffe, ohne Brille zackzack einzufädeln) und in den Sessel gesetzt, um die Lochzunähung direkt am Fuß vorzunehmen. Nein, ich habe mich nicht gestochen! Aber die Schere vergessen.

Und dann war ich sehr zufrieden, dass niemand mit einer Kamera in zufälliger Nähe war. Weil ich nämlich vornüber gebeugt durchs Wohnzimmer humpeln musste, den Faden noch am Fuß, die Nadel dazu auf Knöchelhöhe in der Hand, damit ich da nicht etwa aus Versehen reintrete. Und natürlich lag die Schere dann ausnahmsweise nicht da, wo ich sie normalerweise hinlege, sondern im Irgendwo der fernen Küche.

Ich überlege jetzt neuerdings, was eigentlich ungesünder ist: Blasenverkühlung oder Hexenschuß.

Höflich!

Huch, Kinners, schon wieder ’ne Woche rum!

War doch eben erst Sonntag… Da hat doch wieder einer am Kalender rumgemacht! Na, immerhin, die Erkältung verzieht sich allmählich und bei der Arbeit wird’s auch langsam vertrauter. Aber viel Arbeit. Viel, viel…

Naja, gestern Abend, auf dem Weg in den Feierabend und mein wohlverdientes Wochen- ende, setze ich mich im Zug zu drei Frauen. Zweie sind figürlich ziemlich umfangreich, relativ jung, sitzen an den Fensterplätzen und gehören offensichtlich zusammen. Das kann man daran merken, dass die eine nach meinem Dazukommen laut und deutlich zur anderen sagt: „Manche fragen ja gar nicht erst!“

Scheinbar war es ziemlich unhöflich von mir, weder an dieser Vierersitzgruppe anzuklop- fen, noch, mich vorher telefonisch anzumelden oder wenigstens Blumen mitzubringen, bevor ich mich in einem öffentlichen Verkehrsmittel einfach auf einen freien Platz setze. Die dritte Dame allerdings lächelt mir fein zu, das beruhigt mich jetzt doch. Vielleicht bin ich also doch nicht unhöflich.

Die beiden Jungschen fangen nun an, über’s Essen zu reden, über so „überbackene Bröt- chen“, die „schweinelecker“ sind. Wie man diese Brötchen macht, erfahren wir auch gleich: man schneidet sie auf, schmiert eine Pampe aus Reibekäse, Sahne, Fertiggewürz und klein geschnittenem Kochschinken drauf und „schmeißt das Ganze einfach in den Ofen“. Während ich mir das lebhaft vorstelle, lernen wir noch: das geht natürlich auch mit Ananas („Hawaiibrötchen“), Thunfisch und „richtigem Schinken“. Eigentlich geht es sogar „mit Alles!“. Guck an.

Tja. Das wollte ich nur eben hier weitergeben…
– Gern geschehen.

Die Dame mir gegenüber ist ebenso amüsiert wie ich. Weiter geht’s im Thema: Jetzt geht es um Schlangen und das Problem der Fütterung. Die eine (die mit den Brötchen) hat nämlich Mäuse eingefroren („In Tüten, ey. Das sind dann so Knäuel, die sehen voll aus wie Chickenwings!“) und referiert jetzt lang und breit darüber, wie man die Piepsdinger wieder anständig aufgetaut kriegt. Ihre Freundin schlägt vor: „Einfach über Nacht rausle- gen!“ Insgeheim habe ich das ja auch eben gedacht, werd‘ aber den Teufel tun und mich einmischen. Der Tipp wird aber sowieso überhört, schließlich hat man gerade Publikum: der ganze Waggon kann nicht mehr weghören. Also folgt die Beschreibung für Problem und Lösung: „Erst wollte ich die in die Mikrowelle packen. Aber da platzen die doch! Also hab’ ich den Ofen schön angeheizt und die Viecher da rein getan. Nach zwei Minuten waren die aufgetaut und nach drei Minuten waren die fertich!!!“

Der reinste Triumph. Ihre Freundin schweigt betroffen, die Dame gegenüber rollt die Augen. Die Freundin: „Boah, Alter! Bei dir ess’ ich nie wieder Pizza!!!

– Also mal ehrlich, wer ist jetzt hier unhöflich?!?

Schnirr…

Schnirrlampe
Ich würde ja eigentlich gerne mal das Scheppergeräusch aufnehmen, das in diesen Lam- penschalen entsteht, wenn Frau Nachbarin über mir durch ihre Räumlichkeiten stiefelt.

Übrigens ist mir Freund T. wegen dieser Lampe noch immer fast ein kleines bisschen bö- se, weil ich die eines Morgens einfach so auf den Weg zum Bäcker auf dem Bürgersteig liegen fand. (Nein, es war KEIN Umzugswagen daneben geparkt!) Ich dachte mir damals: falls die da immer noch so liegt, wenn ich mit den Brötchen wieder zurückkomme, ist sie mein. Und so war’s ja dann auch. Freund T. findet nun allerdings, er hätte kurz vor mir da lang gehen müssen, denn genau so eine Lampe sucht er angeblich schon lange. Schon mehrfach hat er mir erklärt, wieso sie eigentlich ihm zustünde. Ich nicke dann bedächtig, klopfe ihm tröstend auf die Schulter und sage: „War aber nicht so, ätsch.“ Und dann kriegt er stattdessen einen Kaffee. Die Lampe ist nämlich auch noch komplett und völlig in Ordnung gewesen, nur ein kleines bisschen staubig. Ich musste die bloß anschrauben und sie leuchtet seither für und für.

Und scheppert eben. Manchmal. Dann aber vernehmlich. Besucher, die zuweilen auf dem Stühlchen darunter sitzen, eben noch noch entspannt und vergnügt, ziehen plötzlich den Kopf ein und klammern sich an der Tischkante fest. Oder wollen doch lieber auf’s Sofa.

In den anderen Räumen klirrt es übrigens nicht, was aber nicht etwa daran liegt, dass die Nachbarin da nicht drüberwummert, sondern den schlichten Grund hat, dass da bloß Reispapierlampen und asiatische Seidenlampions hängen. Wenn man da ganz nah dran gehen und genau hinhören würde, dann könnte man eventuell ein sehr leises Rascheln vernehmen, und dagegen kann man ja nun wirklich niemand was haben.

Wenn ich mir vorstelle, wie ich das Klirren aufnehmen könnte, bilden sich vor meinem in- neren Auge komplizierte Versuchsaufbauten, in denen Leitern auf Tischen, untergelegte Telefonbücher, verschobene Kühlschränke, per Verlängerung in die Küche geschleppte und auf Regale gestemmte PCs, zur Stabilisierung mit Klebeband befestigte Besenstiele, in die Luft gestreckte Headsets, lahme Arme und höchstvermutlich himmlische Ruhe vorkommen.

Denn die Nachbarin wird natürlich einen Teufel tun und wie auf Bestellung rumpeln. Und ich kann ja schlecht nach oben gehen, klingeln, und sagen: „Tach! Könnense mal eben ein bisschen wummern, jetzt, wo ich mir solche Mühe gegeben habe? Oder wenigstens etwas rumpeln? Also, so hin- und herramentern, wie Sie das immer machen? Ich will das nämlich mal aufnehmen und der Welt zum besseren Verständnis vorspielen.“ Da wäre sie zu Recht konsterniert, also mache ich das man lieber nicht.

Zudem bin ich gerade feste erkältet, mir würde sicher irgendwie schwindelig werden und ich würde von der Leiter kippen und auf den Abwasch fallen, der sich damit zwar erledigt hätte, aber trotzdem. Oder ich würde in die Aufnahme reinhusten und müsste nachher noch dranschreiben: Der Husten gehört übrigens nicht dazu. Hustende Lampen gibt’s ja gar nicht!

Also kann ich das Geräusch nur beschreiben: es ist eine Mischung aus Scheppern und Klirren. Eben ein Schnirren. Aber mit Beleuchtung.