Kein Zeit.

Als ich noch ein Teenager war (damals fand man diese Bezeichnung übrigens noch nicht „voll daneben“ oder „geht ja gar nicht!“, denn „Jugendlicher“ oder sogar „halbwüchsig“ woll- te man erst Recht nicht sein; – dafür hießen aber die Kinder immerhin noch „Kinder“ und nicht etwa „Kids“, da muss ich nämlich immer an kleine Rehe denken), – also, als ich noch ein Teenager war, hatte ich eines Sommers eine beste Freundin namens Susanne und wir waren zufällig auch noch mit zwei dick befreundeten Jungs verbandelt, so dass wir natürlich immer als Vierergruppe rumlümmelten. Und als wir mal gegen Abend bei Susan- ne im Garten lümmelten, kam ihr Vater zackigen Schritts von irgendwoher nach Hause und erwiderte unser artiges Grüßen mit einem knappen: „Kein’ Zeit, Sportschau!!!“ Daraufhin verschwand er fix im abgedunkelten Wohnzimmer.

Seither hieß er bei uns „KeinzeitSportschau!“ und ich hätte seinen richtigen Namen be- stimmt irgendwann vergessen, wenn der nicht auf dem Klingelschild gestanden hätte, das ich ja immer wieder vor Augen hatte, wenn ich Susanne abholen ging oder so.

Meine beliebteste Angstvorstellung ist zurzeit, dass mich bald mal Einer umtauft in „KeinzeitArbeit!“, weil ich Anfragen grundsätzlich mit dem Verweis auf meine neue Maloche abschmettere. Und wenn ich nicht arbeite, dann habe ich Hunger. Heißt, ich gehe auf die Schnelle einkaufen, brutzele mir was, oder esse. Wenn ich nicht schlafe. Alles andere kommt auf die Liste, sonst vergess’ ich das.

Die Liste sieht in etwa so aus:

– Kämmen.
– Auch mal aus dem Fenster gucken.
– Die ausnahmsweise nicht geklaute Zeitung überfliegen.
– Erst duschen, dann anziehen!
– Und Schuhe nicht vergessen!
– Bloggen.
– Aber worüber?
– Sprossen pflegen.
– Staub langmöglichst ignorieren.
– Das Weiße ist Zahnpasta, das Gelbe ist Mayo.
– Mal ne Freundin anrufen.
– Einfach mal sitzen.
– Draußen gucken, ob’s schon Frühling wird.
– Usw…

Frühling wird’s jedenfalls anscheinend noch nicht, es soll sogar noch mal richtig eklig werden, aber mit ein bisschen Glück könnten vielleicht nächsten Sonntag ein paar Kastanien…? – Na, warten wir’s ab.

Übrigens habe ich in meinem letzten Eintrag über’s Bahnfahren noch eine Kleinigkeit vergessen.

Zur Messezeit gibt’s hier in den Bahnhöfen immer die hübsche englische Durchsage: „Beware of Pickpockets!“ Das Wort Pickpockets finde ich ausgesprochen niedlich und es ist fast ein bisschen schade, dass davor nicht das ganze Jahr über gewarnt wird. Ich stel- le mir nämlich vor, dass so ein Taschendieb sich morgens einen langen Storchenschnabel umbindet, mit dem er dann den armen, naiven Messegästen die Geldbörsen aus den Ho- sentaschen pickt. Und auch die Franzosen scheinen das Wort zu mögen, oder aber es gibt kein eigenes Wort für Taschendieberei im Französischen. Denn die französische Version der Durchsage klingt tatsächlich so: „Attention á piquepockettes!“

 – Also, wenn das die Académie Francaise mitkriegt!

48 thoughts on “Kein Zeit.

  1. Liebe Theo,

    manche Texte geraten offenbar unter KeinZeit besonders hübsch. Vielleicht solltest du trotzdem in deiner neuen Tätigkeit ab und zu auch mal sagen: Keinzeitsportschau! Damit die mal merken, dass du auch noch andere Interessen hast als rund um die Uhr zu wulacken.

    Schöne Grüße und erholsamen Restsonntag
    Dein Jules

    • Ja, das habe ich mir auch vorgenommen. Aber als „Neue“ fällt mir eben das Neinsagen noch so schwer. Früher oder später bleibt mir aber nix Anderes übrig, sonst kippe ich einfach um, und das nützt ja keinem was. Also, jedenfalls nicht, dass ich wüsste.

      Dir auch noch einen feinen Sonntag und vielleicht ja bis morgen Abend…

      Deine Theo

  2. Ich bin ja im Augenblick vollzeit zuhause noch bis Anfang Herbst, trotzdem schreibe ich mir in Gedanken auch oft solche Listen…
    …ich nehms wie Reinhard Mey: „Keine ruhige Minute…“
    …übrigens gratuliere ich nachträglich noch zum neuen Job!

    Schönen Sonntag und einen guten Wochenstart.

    • Ach ja, vergessen! Wichtiger Punkt auf der Liste! Dazuschreiben: Liste anlegen. ;D

      Danke für die Gratulation, liebe Mokkasin, – et wird, et wird…

      Übrigens fliegt am Sonntag um 12 Uhr die Kastanie! Deine auch?

      Ganz lieben Gruß,
      Deine Theo

  3. Das klingt ja furchtbar. Arbeiten um zu leben – nicht umgekehrt junge Frau.
    Mach`s wie ich – bin gerade aus Madrid zurück. Konnte das schlechte Wetter nicht mehr sehen und habe ein paar Tage das Gesicht in die Sonne gehalten. Ich stelle dir jetzt ein Stück Himmel auf meine Seite.

    Liebe Grüße und r e l a x … Andi

    • Na, das sagt sich so leicht! Nach gerademal 6 Wochen Betriebszugehörigkeit kann ich ja schlecht die Füße hochlegen und bekanntgeben, dass ich jetzt erstmal relaxe… 😉

      Aber ich arbeite immerhin dran.

      Danke sehr für den Himmel. 😀 Hatte schon vergessen, wie der aussieht…

      Lieben Gruß zurück, Theo

  4. Vielleicht wird es ja in absehbarer Zeit besser, wenn Du Dich noch besser eingearbeitet hast und manches dann doch zur Routine wird.
    ich hab auch letztes Jahr eine neue Stelle bekommen und es hat schon länger gedauert, bis ich einen verträglichen Rhythmus hatte.
    Einstweilen: kein Colgate auf Pommes !
    Alles andere kommt von selbst.

    • Mist, zu spät! :))

      Ja, ich hoffe da auch drauf, gestern gab’s schon mal ein ganz gutes Gespräch mit der Vorgesetzten, was Organisation und Co. angeht. Es liegt ja nicht an mir, dass es da oft so stressig zugeht. Nu‘ warte ich mal ab und nutze so lange jede Minute, die ich zum Entspannen hab’…

  5. Ach je… hört sich an als wärest du mit Pommes rot-weiß momentan total überfordert. Den Frühling werde ich mit einem Urschrei ankündigen sobald ich ihn sehe, den kannste also gar nicht verpassen.

    • Den Frühling werfe ich herbei, in dem ich meine „Jackentaschenbewohnerin“ weit von mir werfe. (Siehe aktuellen Eintrag). Mach‘ doch auch mit! Schreien ist dabei übrigens ausdrücklich erlaubt (mal horchen, ob man’s bis Hannover hören kann)! ;D

  6. keine Zeit für …. das ist eine Frage der Prioritäten
    keine Zeit füt Theo gäb’s bei mir nie – mlg reinhold

    P.S. aber nach der Arbeit bin ich oft auch so erledigt das mir selbst der Weltuntergang am Arsch vorbeiging

  7. Mit den Kastanien hatte ich mich auch schon gefragt, ob ich einen Eintrag übersehen habe. Die ersten Bäumchen sprießen bei mir jedenfalls bereits und aus Erfahrung weiß ich, dass die Natur hier dem Raum Hannover sonst etwa zwei Wochen mit dem Frühling hinterherhinkt.
    Und was war heute Morgen? Alles weiß draußen, ich dachte, ich spinne! :))

  8. Cool! Was is‘ ’n das für ’n Job, wo man (bzw. frau: ha, noch „schlimmer“!) ungekämmt verweilen darf?

    Bemerkenswerte Einheit von Inhalt und Form: das weg gelassene „e“ (so es denn nicht „dialektisch“ bedingt ist) in dem Ausruf bekräftigt dessen Aussage!

    Kann man drinnen kieken, ob Frühling wird?

          • ooch mensch… mir ist das mit meinem streckvermögen so gegangen, welches ich seinerzeit vorsorglich auf der streckbank deponiert hatte… jaja, die finanzkrise….

          • gibt es eigentlich auch rettungspakete für sitzkissen die auf der einen oder anderen parkbank hinterlegt wurden???

            ich konnte bisher nichts aus dem mundel von frau merke dazu hören…

          • oh je, dann kanns ja noch dauern. ich warte immer noch auf den christstollen, welchen tante friedel aus leipzig (verstorben 1987 – also tante friedel,nicht leipzig) weihnachten 1976 an uns versandt hat.

            so ganz habe ich die hoffnung ja noch nicht aufgegeben, das er noch ankommt, da er ja nicht mit einem privaten paketdienst befördert wurde…

            schönen sonntach!

          • Naja, der soll ja auch ein Weilchen durchziehen, wenn ich das richtig weiß. 🙄 Allerdings, ob gute 30 Jahre…?

            Ich fürchte, der ist eher einem Grenzer zum Opfer gefallen, die sollen ja systematisch nach sowas gesucht haben. Vielleicht hatten die sogar Stollenhunde!

            Selber schönen Sonntach! 😀

          • ach so, du meinst, die haben tante friedels stollen an der grenze abgefangen, also quasi am verlassen der republik gehindert…

            …und ihn standrechtlich aufgefressen???

          • Nja, ich fürchte, sowas in der Art. Vieleicht hat er sich aber auch gestellt, in der Hoffnung, dass wenigstens noch ein paar Rosinen bei Euch ankommen.

          • ich bin froh, das tante friedel diese erkenntnis nicht mehr erleben musste… mein gott. die vorstellung… wie grausam.

            nun ja, ich muss jezz mal die mit 1 1/2 std. verspätung gelieferte pizza verkasematuckeln…

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  9. sowas von lach!
    schön, dass ich das noch mitten in der nacht sozusagen in ruhe hier bei dir gefunden habe *haha* (das lachen will gar nicht verschwinden! mein vater immer: lass mich in ruhe sportschau!)
    herzlich
    ludi

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