Donnerstag. Kollegin hat zum Glück frei und kann mich nicht aus der Spur bringen.
Vormittags noch eine dicke Messebesprechung mit der Geschäftsleitung und mein Kopf war voll mit den ganzen demnächst zu erledigenden Dingen (ich hab so ne Messe ja noch nie mitgemacht, soll da aber ganz viel organisieren). Ich sollte mich für unser Gespräch melden, sobald ich dann das Festgelegte ins Reine geschrieben hätte…
Mein armes Herz hat ganz ordentlich gebollert, muss ich sagen. Aber: ich wollte das so und dann gibts nur einen Weg; – durch.
Ich konnte ja überhaupt nicht einschätzen, was die Chefin nun schon wusste oder we- nigstens ahnte. Ich glaub, das mit dem Ahnen fing dann in dem Moment an, als ich meine Zettel rausgelegt habe, auf die ich mir die wichtigsten Punkte in einer Art güns- tiger-Gesprächs-Ablaufplan ausgedruckt hatte.
Zuerst habe ich natürlich erzählt, wie ich meinen Einstieg vor 6 Monaten so empfunden habe, wie ich mich auf mein neues Aufgabenfeld gefreut hatte und wie passend ich die Anforderungen für mich fand und auch immer noch finde. Dass mir die Arbeit oft richtig viel Spaß macht, wenn es gut läuft. Aber auch, welcher Druck da gleich auf mir lag, weil meine drei Vorgängerinnen alle nur kurz da gewesen waren und es offenbar nicht hinge- kriegt hatten. Ich hatte ja den Eindruck, nun endlich alles zum Guten wenden zu müssen und bloß keinen Fehler machen zu dürfen, wenn ich da überhaupt eine Chance haben wollte.
Da guckte sie schon, als wäre ihr das gar nicht so richtig klar gewesen.
Also erzählte ich weiter, dass ich anfing, mich irgendwann zu wundern, warum die anfäng- liche (und ja auch ganz normale) abendliche Einarbeitungsphasen-Erschöpfung gar nicht aufhörte und ich schon heftige Selbstzweifel bekam, ob ich vielleicht nix mehr vom Teller ziehe. Zum Glück konnte ich diese Zweifel im Freundeskreis/ehemaligen Kollegenkreis diskutieren und mir immer wieder sagen lassen: Hömma, das kann nicht an dir liegen! Wir kennen dich fleißig, strukturiert, fix, verantwortungsbewusst und überblickend. Das muss ja ein Hammerjob sein, wenn der Dich so k.o. macht! Irgendwann hab ich das zum Glück auch glauben können und wurde da etwas lockerer.
Ich fing an, mir zu sagen: Wenn ich den Job nicht schaffe, dann sonst auch niemand! Und trotz dieser Erkenntnis fühle ich immer noch ständig so ausgepowert, dass ich schon gar kein richtiges Privatleben mehr habe.
Darauf fragte die Chefin nach meinen Überstunden, aber ich mache halt nicht so beson- ders viele. Das liegt nämlich daran, dass ich stattdessen einfach immer schneller werde, bis ich irgendwann nicht mehr kann. Ich bin wohl eher ein Sprinter als ein Marathonläufer. Und bei der Arbeit laufe ich inzwischen Marathon, nur eben im Sprinttempo. (Ich hab mich auch schon öfter mit einer Flipperkugel verglichen.)
Da wurde sie jetzt aber schon hellhörig. Es ist bekannt, dass bei uns viel zu tun ist, weil die Aufgaben komplex sind, aber so…
Ich also weiter: ich würde es unheimlich bedauern, dass ich eigentlich kaum dazu käme, so strukturiert und klar zu arbeiten, wie ich es bevorzuge, weil das tägliche Chaos immer im Weg wär. Dass die Grundlagen zwar mal geschaffen worden seien (nämlich von ihr selbst), aber man kaum dazu käme, was zu aktualisieren oder weiterzuentwickeln oder einfach mal in Ruhe was auszuarbeiten.
Und dass man natürlich auf die Anfragen von Außen viel effizienter reagieren könnte, wenn denn die Basis stimmen würde.
Und da waren wir beim Knackpunkt.
Ich musste nun raus mit der Sprache, eierte erstmal rum mit unterschiedlichen Arbeits- stilen, die ja o.k. wären, wenn man sich gegenseitig lässt. Schließlich kenne ich das aus der Graphik (die Einen konzentrieren sich sofort und geordnet, die Anderen brauchen erst den Kurz-vor-knapp-Druck inkl. Chaos; – beides bringt Ergebnisse). Aber das setze eben auch das berühmte Teamwork bzw. Teamdenken voraus…
Jetzt war die Chefin aber ganz wach und fing an, nachzufragen. Sie fiel nämlich gerade ein bisschen aus den Wolken, hatte ich den Eindruck. Die Kollegin hatte offensichtlich vor der Geschäftsleitung immer so getan, als sei alles bestens und liefe nur so wie frisch geschmiert. Niemand hatte mitbekommen, dass ich ständig von ihr angefangene Sachen zu Ende bringe oder von ihr in meinen Abläufen unterbrochen werde. Ich mag es ja nun echt gar nicht, zu „petzen“ und das merkt man mir hoffentlich auch an. Aber hier mussten ein paar Dinge einfach mal auf den Tisch, nachdem direkte Gespräche mit der Kollegin ja bisher nichts einbringen. Also versuchte ich, den Schaden wenigstens klein zu halten und gab ein paar Beispiele an.
Auf die Wirkung musste ich nicht lange warten. Langgezogene Ahaas und Okeeehs…
Sie gab nach einer Luftholpause bereitwillig zu, dass sie überrascht war (das sah man aber auch) und bedankte sich bei mir dafür, dass ich so offen und klar auf sie zugekom- men war. Sie sei mit meiner Leistung im Übrigen sehr zufrieden und wolle auch gern, dass ich da länger bliebe.
Zum Glück hatte ich auch direkt ein paar Lösungsvorschläge parat, die waren jetzt natür- lich hochwillkommen. Ganz einfache Sachen, wie: Einmal die Woche eine Besprechung, in der die Kollegin und ich uns mal austauschen über bevorstehende Aufgaben. Oder einen festen halben Wochentag fürs Büro. Oder dass jeder seine Aufgaben von Anfang bis Ende auch selbst erledigt. Sowas. Eigentlich Pipikram, das war uns beiden klar. Aber wenn es sogar daran fehlt…
Abschließend hat sie mich gefragt, ob sie mit der Kollegin denn nun mal allein reden solle oder ob es mir lieber sei, wenn wir Drei uns mal zusammensetzen.
Ehrlich gesagt, mir wäre am liebsten, wenn ich jetzt mit ihrem Segen mal versuche, meine Vorschläge mit der Kollegin umzusetzen. Sie will ja sowieso auch mehr Wochen- stunden arbeiten, vielleicht bringt das ja genau die Entlastung, die nötig ist. Ansonsten ging es mir hauptsächlich darum, mal darzustellen, wie es mir hier so geht und womit ich zurzeit kämpfe. Dass das mal gesehen wird. Jetzt bin ich erstmal ganz schön erleichtert, dass sie es so gut aufgenommen haben. Wir können ja jetzt erstmal ein bisschen abwarten und gucken, ob es besser wird. Falls nicht, könnten wir uns doch immer noch zusammensetzen.
Und genau so machen wirs auch.