Theobromine in Not: Hilfe, Rentner schwemmen aus!

Donnerstag:

Heute ist ja wohl auch wieder so’n Tag.

Wenn ich die Post hole, dann sitzt an zwei Tagen in der Woche der Kollege M. in der Poststelle. Er ist eigentlich schon längst pensioniert, es hält ihn aber nicht zuhause. Ich vermute, das hat seine Frau entschieden. Als ich noch neu in dem Laden war, herrschte er mich einzweimal an, ob ich denn ganz allgemein niemanden grüße oder bloß ihn nicht. Da war ich, zugegeben, erstmal kurz perplex, fand aber dann durch blitzschnelles Kombi- nieren heraus, dass Herr M. der einzige ist, der nicht weiß, dass er schwerhörig ist. (Eben waren wir noch zu Zweit.)

Nun brülle ich den armen Mann immer schon von der Tür aus an: „Hallo! Schönen guten Morgen, Herr M.!!!“, was ihm aber zu gefallen scheint. Heute war mir mal ein bisschen nach Abwechslung, und deshalb rief ich: „Hallo, guten Morgen, Herr M.! – Na? Schon wieder fleißig?!?“ Das hätte ich mal lieber sein lassen sollen, denn Herr M. startete gleich den Motor und nahm richtig schnell Fahrt auf: „Ich bin fleißig, Sie sind fleißig. Sind wir ja alle. Wir müssen ja! Machen wir ja aber auch gerne, nicht? Immer schön fleißig! Wir müssen ja die Wirtschaft an…, an…“

„-kurbeln?“, half ich nach und flüchtete mich vorsichtshalber gleich in Gedanken über die- ses Wort, das man jetzt wieder so oft hört und das mir so seltsam altbacken vorkommt. Wo wird denn heutzutage noch gekurbelt? Das geht doch inzwischen alles über Touch- screen! Ich muss dann immer an diese Autos denken, die ich als Kind in „Väter der Klamotte“ gesehen habe, die wurden doch per Kurbel… Aber vielleicht ist der Vergleich mit einem uralten Auto ja auch gar nicht so verkehrt.

Inzwischen pumpt sich Herr M. auf wie ein Maikäfer und möchte gern richtig loslegen. Ich kann noch schnell sagen, dass ich das Wort „Krise“ nicht mehr hören kann und deshalb auch schon länger keine Nachrichten mehr gucke. Doch diesen dezenten Hinweis über- hört er (natürlich!) und ist schon unterwegs; – im Galopp über Allgemeinplätze: Den klei- nen Mann. Die Kleinen fangen sie, die Großen lassen sie laufen. Managerabfindungen. Und dass man sich diese Milliarden ja gar nicht vorstellen kann.

Jaja. Ich kann mir ohne weiteres Milliarden vorstellen, denn in meinem Kopf ist Jahrmarkt und ich könnte mir zur Not sogar Milliarden kleiner Männer vorstellen, solange ich sie nicht zählen muss. Herr M. ist gerade bei: „Und wer muss das alles wieder bezahlen? Wir!“, da hake ich ein, sage: „A propos: muss. Ich muss dann mal wieder. Kurbeln gehen, nech?“ und flitsche schnell aus der Tür.

Kaum in meiner Abteilung angekommen, steht ein weiterer älterer Herr mit grasgrünem Pulli vor mir. Natürlich hat er ein Poloshirt drunter. Offenbar hat mal wieder jemand den Schnappi von der Eingangstür runtergeknipst. Der Herr will nun wissen, wie das alles hier so bei uns funktioniert, schielt immerzu neugierig Richtung Ausstellung, beschwert sich mal gleich, dass wir nicht immer geöffnet haben, wenn er Lust kriegt, mal reinzuschneien, und wieso wir eigentlich keine Gruppenführungen für 6-8 Personen organisieren. Er hat dann natürlich auch gleich mal ein paar Verbesserungsvorschläge, was das grundsätz- liche Führen unserer Einrichtung angeht. Das habe ich übrigens besonders gern: „Ideen und Vorschläge“ von Branchenfremden.

Dass mein Telefon immerzu klingelt, stört ihn erstmal nicht, schließlich offenbart er mir gerade die Geheimnisse der Unternehmensführung, das kann ja nur wichtiger sein. Körpersprache kann er leider nicht lesen. Auch mein ungeduldiges „Hm. Hm.“ versteht er eher als Anfeuerungsversuche. Irgendwann drehe ich mich einfach um, murmele was von „mal endlich rangehen“ und verschwinde. Am Telefon ist ein inzwischen verärgerter Hand- werker, der mich bittet, mal eben den Durchmesser eines Kronleuchters auszumessen. Also laufe ich mit dem Telefon an dem Besucher im Foyer vorbei, der mir noch bedrohlich hinterher ruft: „Machenseman! Ich hab’ Zeit!“

In der Ausstellung muss ich auf einen Stuhl steigen und versuchen, Telefon und Zollstock gleichzeitig zu bedienen, was nicht ganz einfach ist, weil hier hinten der Empfang mise- rabel ist und das Gespräch nun quasi Buchstabengehacktes für Phantasiebegabte wird. An einem anderen Tag wäre das sicher lustig. Ach, und weil ich ja schon mal dabei und so freundlich bin, soll ich die anderen Lampen auch gleich noch…

Als ich wieder zurück bin, ist der Senior natürlich immer noch da, hat inzwischen eine Broschüre über Käse durchgeblättert und ist darüber zum Experten geworden. Das bitte nicht auch noch! Ich packe ihm energisch einen Stapel weiterer Faltblätter zusammen und lege ihm eine Karte mit unseren Öffnungszeiten ganz obendrauf, bevor ich den Arm zur Tür hin ausstrecke und ihm noch einen interessanten Tag wünsche. Wenn er irgendwann mal wiederkommt, und er wird wiederkommen, erwischts hoffentlich die Kollegin.

Später in der Bahn setzt sich natürlich der nächste alte Herr des Tages ausgerechnet neben mich, obwohl der Zug nur halbvoll ist, und will gleich wissen, wie ich das Wetter finde, ob ich von der Arbeit komme und was das denn so für eine Arbeit sei.

„Seniorenbändigerin!“ kann ich ja schlecht sagen, also murmele ich mir unentschieden was zurecht. Das macht aber nichts, denn natürlich war das nur der Einstieg in seine Berufslebensgeschichte. Zum Glück ist der Bahnhof nur 10 Minuten weit weg. Nur so viel: über 40 Jahre bei der Post, ganze Entwicklung über die Jahrzehnte miterlebt („nicht gut, nicht gut“), alles geht den Bach runter, zuhause 2 Kinder gehabt („Alles eigener Hände Arbeit!“), inzwischen 3 Enkel, was soll man machen…

Ich seufze und beschließe, mir jetzt wohl doch so ein MP3-Dings mit Ohrkörkchen anzuschaffen.

Böse Woche, – geh weg!

Am Telefon die falschen Anrufer. Und einen Menschen, der mir nahe steht, zieht’s mei- lenweit fort. Die Kollegin wegen nervöser Erschöpfung bis Freitag krankgeschrieben (es dräut Aufgabenumverteilung). Und dann schnappt mich auch noch ein Virus auf. – Wirke ich vielleicht irgendwie breitschultriger als sonst?

Mein Lieblingstag in der Woche war an sich schon immer Donnerstag. Früher vor allem deswegen, weil dann ein buntes Nachrichtenmagazin (von dem ich einfach nicht lassen kann) erscheint, mit dem ich mich dann rituell für eine Stunde auf’s Sofa verzog. Außer- dem gab’s mal eine ganz doofe amerikanische Serie, deren Hauptdarsteller ich aus mir völlig unerklärlichen Gründen besonders lecker fand (an welchem Tag die kam, muss ich wohl jetzt nicht speziell erläutern). Dass sich das Wochenende in der Nähe des Donners- tags rumdrückt, spielt sicher auch eine Rolle.

Im Moment mag ich den Donnerstag aber hauptsächlich deswegen, weil dann der Mitt- woch vorbei ist. Mittwoch bedeutet: Viel Arbeit. Lang Arbeit. Breit Arbeit.

Und gestern hat mir doch tatsächlich ein (der einzige nette!) Außendienstler sein Herz ausgeschüttet über Haifischbecken im Allgemeinen und Intrigen im Besonderen. (Ein anderer AD umschleicht mich, wann er kann, mit hungrigem Schmierblick. Und ich dachte immer, diese Vertretergeschichten seien Klischees!) Ich fand ja schon die ganze Zeit, dass bei uns eine merkwürdige Anspannung herrschte, habe das aber auf die spezielle Situation in unserer Abteilung geschoben. Jetzt ist mir klar: das Teamwork wird allgemein von oben verlangt und entsteht nicht von unten. So kann das natürlich nix werden. Vor allem wird es wohl auch nicht besser werden. Wenn jeder Kollege immerzu Schiss vor Sanktionen hat, entsteht ein müdes Umsichbeißen, ein Zurückhalten von wichtigen Informationen und dazu Schadenfreude, wenn wieder einer was wegstecken muss.

Das entspricht so gar nicht meinem Naturell, dass ich tatsächlich Monate brauchte, um es zu erkennen. Und was mache ich jetzt?

Mein Nervenhaushalt ist ohnehin so unausgeglichen, weil mich immer wieder Gespenster plagen (die mich gern nachts um viere wecken und überall zupfen und pieksen, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist).

Und intolerant bin ich auch noch! – Nämlich Histaminintolerant.
Was bedeutet, dass ich ohne Tablette innerhalb weniger Stunden böse juckende Haut am ganzen Körper habe, die auch so berührungsempfindlich ist, dass sofort rote Flecken auftauchen, wenn man mal irgendwo drankommt. Mal abgesehen von heftigem Kreislauf- geschwurbel und so. (Mit Tablette ist mir immerhin nur ab und an schwindelig und dann fühl’ ich mich fiebrig.)

Mir ist grad’ alles ein bisschen zu schwer. Ehrlich gesagt.

Stolz und Unvorteil.

Ich hab’ nicht viele Eigenschaften, auf die ich besonders stolz wäre.

Beispielsweise gehört nicht dazu, zwischen speziellen Grenzsteinen auf die Welt gekom- men zu sein, schließlich kann ich da ja nix für. Es soll wohl Leute geben, die wegen so was ständig ganz aufgeregt sind, aber das habe ich vielleicht auch bloß wieder irgendwo aufgeschnappt oder falsch verstanden, weil: kann ja eigentlich nicht sein.

Wenn überhaupt, könnten höchstens meine Eltern stolz drauf sein, aber die haben zum Glück anderes zu tun. Zum Beispiel könnten sie sich streiten, wieso ich eigentlich dann doch nicht in Berlin geboren wurde, sondern eben in Springe (das war, weil meine Mutter im Streit abgehauen ist zu ihren Eltern), oder über anderen überflüssigen Mist. Das tun sie aber schon deshalb nicht, weil sie seit mindestens 20 Jahren kein Wort mehr mitein- ander gewechselt haben. Davor verwendeten sie übrigens hauptsächlich Wörter, für die man eigentlich einen Stall bräuchte. – Was das wiederum für meine Abstammung be- deutet, darüber möchte ich lieber nicht nachdenken…

Neulich ist mir aber doch was eingefallen, worauf ich tatsächlich ein bisschen stolz bin.
Und zwar: Ich habe tatsächlich kein einziges Poloshirt im Schrank.

Jetzt würde ich natürlich gern behaupten, dass das schon immer so war, aber das wäre leider gelogen, denn ich den 80ern hatte ich eins. Ein weißes. Das hatte ich mir aber nur gekauft, weil ich einen Typen gut fand, von dem ich vermutete, der stünde vielleicht auf Poloshirtmädchen. Dass so Einer damit ohnehin nix für mich sein konnte, habe ich mit meinen 19 Jahren natürlich noch nicht so richtig überblickt.

Poloshirts! Diese Dinger sind so hässlich und gehen einfach nicht tot, ich versteh’ das gar nicht! Allein, wie diese Kragen sich immer so rundbiegen… Und dann dieser furchtbare Pikeestoff… – Und jetzt komm’ mir bitte keiner mit praktisch! Mülltüten sind z.B. auch praktisch (schließlich will man seinen tropfenden Müll nicht gern in der bloßen Hand runter tragen), aber anziehen will sie richtigerweise trotzdem keiner. Überhaupt, wer seine Kleidung nach praktischen Gesichtspunkten auswählt, hat auch als Erwachsener noch Klettverschlüsse an den Schuhen und trägt Brustbeutel. Ach, auch ganz schlimm: Seersucker-Hemden. Am besten noch Kurzarm.

Sowas alles findet man überall in der Stadt, wenn man losgeht, um sich ein schlichtes, weißes T-Shirt zu kaufen. Nur ein T-Shirt findet man nicht. Eins, das vielleicht sogar einen schönen Rundhals-Ausschnitt hat und leicht tailliert ist. Und: blickdicht.

Gibt’s aber nicht. Es gibt keine blickdichten, weißen Shirts.

Die meisten sind sowieso mit irgendeinem „Motiv“ bedruckt. Ich werd’ ja nie verstehen, warum Leute freiwillig mit Beschriftung herumziehen, aber bitte. Ich möchte bloß mal ein schlichtes T-Shirt, das Geheimnisse wahren kann. Was ich „drunter“ trage, geht schließ- lich nur sehr wenige Menschen was an, da bin ich irgendwie ganz altmodisch. Und ich glaube zudem, es ist kein Zufall, dass man seit 2-3 Jahren wieder Westen trägt. Das ist sicher nur, weil die T-Shirts so durchsichtig sind! Ich teste das beim Stöbern übrigens immer so: ich schiebe das Etikett unter den Stoff, und wenn ich dann trotzdem noch den Preis lesen kann, weiß ich, dass man quasi auch bei mir alles „lesen“ könnte.

Umfragen im Freundinnenkreis ergaben übrigens erstens volle Zustimmung und zweitens spürbar erschöpfte Resignation. Gerüchte kursieren zwar, welche Marken „gerade noch so gehen“, aber der Überprüfung halten sie dann oft doch nicht Stand.

Und neulich hatte ich dann tatsächlich sogar den Fall, den Freundin S. schon mal am Telefon dunkel vorausgeahnt hatte: sie prophezeite, dass selbst die letzte tragbare Res- source, nämlich die schwarzen Hemdchen, wahrscheinlich demnächst auch nicht mehr blickdicht seien. Und was soll ich sagen? Nur wenige Tage später stand ich in einer Kabine und konnte es nicht fassen… Ich schöre, mein Kinn hätte fast gezittert!

Da fällt mir ein: wieso ist das eigentlich kein Wahlkampfthema?

Also, eine Partei, die mir endlich ein gut geschnittenes, unverziertes, blickdichtes weißes T-Shirt bietet, würde ich vielleicht eventuell unter Umständen glatt wählen; – so verzweifelt bin ich nämlich schon. Fast.

Ach so.

Header_2jahre Vielen Dank

an Alle, die hier immer wieder vorbeireisen und sich mit dem befassen, was ich seit nun 2 Jahren so herausblogge.

Besonders natürlich an die, die mir dann ihre feinen, freundlichen, kritischen, intelligenten, witzigen und weiterführenden Gedanken dalassen.

Ganz viele liebe Grüße
von Euer Bromine!

„Geschnitten oder am Stück?“

Heute Vormittag habe ich mal ein bisschen Zeit, denn man hat versucht, mir das feine lange Wochenende zu versauen, indem man mich für eine heutige Abendveranstaltung zum Dienst eingesetzt hat. Ich hab’ aber gleich gekontert und mir schön für Montag frei genommen, hehehe.

Deswegen kann ich jetzt hier sitzen, Birnen essend schreiben und Montag dann auch noch in die Stadt gehen, wenn die Geschäfte auch tatsächlich mal geöffnet haben (und dann nicht, wie samstags, bis unters Dach vollgestopft sind mit Leuten, die angeblich nur „mal gucken gehen“ wollen) und mir neue Brokate und Juwelen anschaffen. Eigentlich handelt es sich hierbei zwar eher um bequeme Schuhe, die ich natürlich für die Arbeit brauche, aber da denke ich lieber erst Dienstag wieder drüber nach. Und vielleicht finde ich ja auch noch ein hübsches Fähnchen für zwei Etagen drüber…

Hauptsache, ich seh’ nachher nicht so aus, wie die beiden erbarmungswürdigen Damen, die ich vorgestern in meinem Fernseher erleben musste. Die Sendung hieß tatsächlich, und da komme ich immer noch nicht drüber weg, „Extrem schön!“. Dass sich das wie ein Befehl liest, ist sicher kein Zufall. Zwei vermeintlich furchtbar hässliche Frauen werden aus ihren Leben rausgezerrt, an mehreren Baustellen operiert, getriezt, „gestylt“ und dann wie- der in ihre Familien zurückgespuckt. Leider sehen beide hinterher genau so aus wie die Stylistin der Sendung, Frau Carine Bartholomé, eine Friseurin aus München, die wohl für irgendwas berühmt ist. – Nein, stimmt nicht ganz: nur die eine, die andere Kandidatin sieht aus wie eine Mischung aus ihr und Amanda Lear. Aber Lila tragen müssen sie bei- de, da beißt die Maus keinen Faden ab. Lila getragen wird, zum Donnerwetter!

Ich konnte da ja kaum hingucken, war allerdings wohl zu schwach, die Knipse aus der Sofaritze zu kramen. Aber Laut geben konnte ich noch. Ich vermute, die Nachbarn denken jetzt, einer meiner Freundinnen geht es furchtbar, weil ich immerzu „Oh, Gott, die Arme!“ und „Oh nein, das nicht auch noch, bitte!“ gerufen hab’.

Besonders interessant fand ich aber die Reaktionen der Männer dieser beiden Kandida- tinnen. Der eine lechzte schon vor der Umformungsprozedur seiner Frau in die Kamera, dass es ja jetzt sicher bald richtigen Sex gäbe, wenn sie sich selbst nicht mehr so un- attraktiv fände. Der andere brütete während der Kontaktsperre gleich einen Heiratsantrag aus, damit ihm die jetzt Aufgehübschte nicht womöglich gleich mit einem passenden männlichen Pendant abhaut. Und was sagt sie dazu? „Der Antrag hat mich umgehauen. Und da bin ich glücklich von!“ – Na dann.

Weitere Sendungen muss ich mir nicht mehr angucken, denn ich weiß jetzt, worauf es im Leben so ankommt: So auszusehen, als hätte man eine Seriennummer unter der Fußsoh- le eingestanzt.

Na, das passt wenigstens auf einen kleinen Zettel.

Hilfe, ich bin birnensüchtig!

Gerne würde ich behaupten, diese Überschrift hätte ich mir nur ausgedacht, weil sie irgendwie sensationell und höchstvermutlich ungeheuer leseranlockend rüberkommt. Stimmt aber nicht.

Ich bin zurzeit tatsächlich birnensüchtig. Immer, wenn ich einkaufen gehe und zwangsläu- fig an der Obstabteilung vorbei muss, kriege ich Heißhunger auf die perfiden Dinger. Äpfel, Bananen und sogar Erdbeeren lassen mich völlig kalt; – lediglich Birnen bringens. (Viel- leicht habe ich aber auch bloß deshalb eine augenblickliche Neigung zur Birne, weil da wenigstens noch keine überflüssigen, nervigen Miniaufkleber drauf sind, so wie inzwischen bspw. auf allen Äpfeln. Deren Abgefiesel strengt mich nämlich mitunter so an, dass ich die Klebedinger am liebsten einfach mitessen möchte.)

Kaum zuhause angekommen, leere ich den Rucksack und zücke das Obstmesser. Und weil ich so furchtbar praktisch veranlagt bin (das wär’ übrigens mal ein komplettes, ande- res Thema), habe ich für Obst eine besondere Schneidetechnik entwickelt: Ich viertele die Birnen nicht, um sie dann mühselig vom Kernhäuschen zu entschnitzen, sondern schnei- de einfach glatt am Gehäuse vorbei und habe so einen praktischen Vierkantstrunk mit Anfasser zum Wegwerfen übrig.

BirneSo sieht das dann aus.

Der Vorteil ist, dass einem dabei keine Kerne ins Auge sprin- gen und man auch eine Woche später beim Saubermachen keine Birneninnereieneinzelteile unterm Sofa findet, die dann schon festgeklebt sind und nur mit einem scharfen Messer vom Boden abgehen, und dabei zerkratzt man dann sich die em- pfindliche Dielenlackierung, die man aus Umweltschutzgründen ja nur mit Aqualack gemacht hat, obwohl man ganz genau weiß, wie schnell der sich abnutzt. Gerade und besonders unterm Sofa.

Jedenfalls kaufe ich andauernd Birnen und kaum zwinkere ich einzweimal, sind sie auch schon wieder weg. Einen Mitbewohner, dem ich die Schuld dafür in die Schuhe schieben könnte, habe ich ja nicht. Nur einen Liebsten, der hier öfter mal weilt. Aber der isst mir eigentlich bloß nachts die übrig gebliebenen Kartoffeln aus dem Topf und behauptet dann ungerührt, da wären sowieso nur noch zwei drin gewesen und selbst aus fünf Kartoffeln hätte ich ohnehin keine lohnenswerte Portion Bratkartoffeln mehr zusammengekriegt.

Gestern habe ich jedenfalls mal wieder vier Birnen gegessen und heute bin ich auch schon bei der Zweiten, dabei ist es noch nicht mal elf Uhr! Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich auch schon wieder um sechse aufgestanden bin. (Wahrscheinlich plagte mich Birnenappetit.) Dabei haben Birnen nicht mal besonders schöne Namen! Wer isst schon gerne was, das „Abate Fetel“ heißt? Auch „Williams Christ“ finde ich nun nicht so… Es soll ja sogar Sorten geben, die nach Fisch heißen, aber zum Glück nicht da, wo ich momentan einholen gehe.

„Einholen“ hat übrigens meine Oma aus Springe immer gesagt, wenn’s um die Lebensmit- telbeschaffung ging. Sie sagte dann beispielsweise, wir müssten noch „das Brot für heute Abend einholen“, weswegen ich ziemlich lange glaubte, das Springer Brot sei irgendwie schneller als das Hannöversche. Meine Oma hätte vermutlich auch gewusst, was es mit einer schweren Birnensucht so auf sich haben könnte, denn sie hatte ein tolles medizi- nisches Hausfrauenwissen, weswegen ich zum Beispiel mal erst grob mit einer halben Zwiebel abgerieben und dann (gefühlt) stundenlang eine blanke Messerklinge flach an meinen dünnen Kinderhals gelegt kriegte, weil mich eine Biene knapp unterm Kehlkopf gestochen hatte. Geholfen hat’s. Und wer sich mit Bienen auskennt, wüsste sicher auch über Birnen toll Bescheid.

Zwar mache ich mir wegen meiner Birnensucht nun durchaus Sorgen, werde dieses spe- zielle Symptom aber ganz sicher nicht g**geln, weil ich mir schließlich nicht noch mehr Sorgen machen möchte. Nachher habe ich eine dubiose, rückwärts gewandte politische Krankheit. Oder eine schwere, sich immer weiter verstärkende Psychomacke, die sich auf die drohende Abschaffung bewährter Beleuchtungstechniken bezieht…
– Oder sogar irgendwas mit Fruchtzucker!

Die Natur schlägt zurück!

Ich glaub‘, wir können uns wirklich bald mal auf was gefasst machen: nicht nur, dass uns die ganzen Kühe unser schönes Klima allmählich zerpupsen; – jetzt schmeißen auch noch die Bäume ihren Dreck überall auf unsere sauber gefegten Bürgersteige!

Umweltvollmüllung1

Umweltvollmüllung2

Und wer muss es nachher wieder wegmachen? – Also ich jedenfalls nicht!

Breite Streifen machen Mühe

Gott, ist mir das peinlich! – Ich habe vor ein paar Tagen…

Also, wenn meine Freunde das mitkriegen, ist es aber aus. Und auch noch unter freiem Himmel, wo mich jeder sehen kann! O.K., ich schreib’s jetzt hin: Ich habe eine Deutsch- landfahne gehisst.

Ich kann verstehen, wenn ab hier niemand mehr weiter lesen mag. Fahnen hissen! Und auch noch schwrrrz, rrrtt, gllb… Hoffentlich darf ich jetzt noch zur Anti-Rechts-Demo am 1. Mai. Nicht, dass die mich dann anbrüllen: “Geh’ doch rüber, wenn’s dir hier nicht passt!“

Aber natürlich hatte ich einen Grund: Es gehört anscheinend zu meinen neuen Aufgaben, im Job. Vor unserem Gebäude stehen halt so Fahnenmasten. Und damit die nicht verge- bens da rumstehen, zerren wir europäische Fahnen dran hoch. Also, eben nicht nur deutsche, sondern auch italienische, französische, norwegische, wattweißich. Und weil der eine Fahnenmast, an den die deutsche dran sollte, irgendwelche Verklemmungen hat, und man die olle Schlaufe, wo der Stoff mit Karabinern eingehakt wird, nur auf 3 Meter fuffzich runtergelassen kriegt, und meine Chefin sich an der Stelle ausklinkte und ein wichtiges Telefonat vorschob, musste die Bromine sich eine Leiter aufklappen und auf Zehenspitzen auf dem obersten Trittchen nach der Schlaufe angeln. Das war übrigens vermutlich der Moment, in dem die Lagermannschaft komplett am Fensterchen hing, um nach der Frage: „Watt um Himmels Willen fuddelt die denn da?!“ einen Blick auf der Brominen weißen Bauch abzukriegen.

Diese Jeans hören ja heutzutage alle auf dem Beckenknochen auf, als hätten sie Angst, ihn zu überschreiten. Schließlich, wer weiß, was einen im Tal der Taille so erwartet…! Und passend dazu sind die Blusen zu kurz und die Ärmelchen eng, so dass alles um einen halben Meter hochversetzt wird, wenn man mal schwungvoll jemandem zuwinken möchte. Deswegen vermutlich ist auch das Winken fast ausgestorben. Zu enge Ärmel.

Aber in meiner Höhenangst und in dem Willen, das jetzt alles schnell hinter mich zu bringen, war mir sogar das egal.

Jedenfalls. Kurz, bevor mir so schwindelig wurde, dass ich versucht war, mich am schwankenden Fahnenmast festzuhalten und dort auf die Feuerwehr zu warten, und als ich trotzdem eben noch überlegte, ob ich die Fahne vielleicht aus Spaß einfach mal falschrum aufhänge und dann frech als belgische verkaufe, kriegte ich das Biest endlich doch noch eingehakt und war, ja, ich war tatsächlich stolz, den Lappen endlich da hoch zerren zu können.

Und wie viel stolzer wäre ich erst gewesen, wenn da ein „Wer das liest, ist doof!“ oder wenigstens ein hübsches, knallbuntes Blümchenmuster auf Pink draufgewesen wären!

Hm. Wo is’n eigentlich meine Nähmaschine…?