3 ist zwar meine Lieblingszahl, …

… aber nachts aufzuwachen, sie auf dem Wecker zu sehen und dann vor lauter Freude darüber nicht mehr schlafen zu können, empfehle ich trotzdem nicht weiter. (Vor allem nicht, wenn man dazu Talking Heads im Kopp hat: „Fafafa Faaafa Fafafafaaafa! You better… run, run, run, ..run, run, …run awaaaay! Oh! Oh! Ooooh! Hayayayay…! Psychokiller! Qu’est-ce que c’est?“) Vermutlich liegt’s da- ran, dass ich gestern Abend schon um Neune eingenickert war. Eventuell hat mich aber auch geweckt, dass es draußen mittenmal schneit. – Das hat doch bestimmt heimlich Geräusche gemacht!

Oder der gestrige Weg zur Arbeit hat mich rhythmusmäßig völlig durcheinander gebracht.

Ich will gerecht sein, ich muss sagen, der Weg ging dann eigentlich, als mein Zug nach ewiger Verspätung plötzlich doch noch fuhr. Davor gab’s auf meinem Bahnsteig natürlich weder Durchsagen, noch andere Informationen, und Bahnmützenpersonal war auch nir- gends zu entdecken. (Von einer Heizung mal ganz zu schweigen.) Ich schreib‘ ja nicht gerne, was schon Tausende vor mir geschrieben haben, aber gestern dachte ich auch mal wieder, wie verdammt borniert die Bahn immer noch ist. Es gibt sicher so viele Artikel und Bücher und Wattweißichnoch mit Klagen über dieses „Unternehmen“, dass die übereinan- dergeschichtet ziemlich genau das Gewicht des Mondes aufwiegen würden.

Alles sinnlos, die reine Energieverpuffung! Wenn man diese Energie stattdessen in die Stromnetze einspeisen könnte, wäre Atomkraft ganz sicher auf einen Schlag überflüssig… Allein, was die Bromine gestern zusammengemotzt hat, würde so einen Meiler tagelang ersetzen. „Verdammte Hacke!“ und „Drecksbahn!“ war noch das Geringste.

In den Medien heißt es dann, hunderte Pendler seien zu spät zur Arbeit gekommen. Hunderte? Wenn 80 Züge ausfallen? Als wenn die jeweils mit 5 Leuten drin losfahren! Merkwürdigerweise steigen allein aus dem Pendelzug, den ich morgens nehme, schon Hunderte in Hannover aus, damit die Hunderte, die aus Hannover weg wollen, reinpassen. Es müssen also wohl doch eher Tausende gewesen sein.

Wenn ich so’n richtiger Grant wäre, könnte ich jetzt mal überlegen, was diese ganzen überall in den Firmen nicht geleisteten Arbeitstunden gestern für einen volkswirtschaft- lichen Schaden ergeben haben. Oder wieviele Leute gestern deswegen Überstunden machen mussten, beziehungsweise ins Minus gekommen sind, weil man solche Fehl- zeiten selbstverständlich nicht gutgeschrieben kriegt.

Aber für solche Überlegungen ist es mir doch noch zu früh.

Will hoffen, dass die Bahn heute fährt! – Nicht, dass da eine Schneeflocke gegen die Lok gerummst ist und die ganze Elektrik verbogen hat…

Radommski!-Marsch.

(Mit selbstausgedachter, aber bitte zackiger Melodie zu singen…)

Ich wohne unter einer Randalistin!
Ich wohne unter einer Randalistin!

Sie bollert früh am Morgen,
sie rumpelt auch bis nachts.
Das macht ihr keine Sorgen,
doch ich lieg‘ nachts dann wachts.

Sie hustet mir den Schlaf fort,
und wummert mit der Tür.
Das scheint ihr wohl ’ne Art Sport,
mit Pflichtteil und mit Kür.

Ich wohne unter einer Randalistin!
Ich wohne unter einer Randalistin!

Sie trampelt wie ein Nilpferd,
und schmeißt auch mal mit Kisten.
das find‘ sie nicht verkehrt,
und hält sich nicht an Fristen.

Die Nachbarin kracht ständig,
sie kracht von früh bis spat.
Sie ist dabei echt wendig
und kracht beruflich und privat.

Ich wohne unter einer Randalistin!
Ich wohne unter einer Randalistin!

Es donnert laut von oben,
es rackelt mein Geschirr,
Sie ist ein rechter Kloben,
und ich werd‘ hier noch irr.

Die Möbel tut sie schieben,
und wirft wohl auch mal eins.
Ich find‘ das übertrieben,
bin froh, sie wirft nicht meins.

Ich wohne unter einer Randalistin!
Ich wohne unter einer Randalistin…

Transportier‘ mir!

Jedes Jahr das Gleiche: Die Bromine wackelt los, um sich ihr Bäumchen aus dem Bau- markt zu holen. Gern darf es auch ein bisschen krumm und ungleichmäßig gewachsen sein, dann passt es, zumindest, äh…, mental, ganz gut zur Gastgeberin.

Es folgen: professionelle Festschnallung, mitleidige Blicke und eigentlich immer ein paar „fachmännische“ Kommentare, die ich aber alle überhöre; – bis jetzt habe ich nämlich noch jeden Baum (und noch ganz andere Sachen!) prima so nach Hause bekommen. Das können die Nachbarn, die dann gern auf dem Fensterbrett hängen und grienen, auf Nach- frage auch gern bestätigen.

Tannebaumtransport

Und nein, ich habe mich nicht obendrauf gesetzt und bin gefahren!

Also, DAS war vielleicht wieder mal ’ne Woche…

(Kein Wunder, dass ich die Kommentare nicht beantwortet kriege und es nicht zur Post schaffe!)

– Ein wirklich schönes Telefonat.
– Die Erlaubnis, über die Arbeit ISM-Tickets kaufen zu dürfen (Yeee-hah!).
– Eine feine Comicpost (Danke HikE!).
– Eine total verlogene Weihnachtsfeier (mit wenig Wein, damit ich nämlich nicht sage, was ich so denke).
– Ein ganz schlimmes Schrottwichtelgeschenk (Augenaua!).
– Dafür aber ein richtig gutes Arbeitszwischenzeugnis!
– Dazu natürlich noch besonders viel Arbeit (deswegen abends um acht schon Lampe aus) und…
– …meine letzte Gruppenführung am Donnerstag.

48 fidele Omis kriechen aus ihrem Reisebus und kichern sich durch die Ausstellung.
– Ich liebe solche Gruppen! Polyesterhäkelpullover in unbekannten Farben und leberwurs- tige Handtaschen. Die Damen können zudem plastisch erzählen, wie sie früher als junge Mädchen noch selbst gebuttert oder sich vor den Trinken der warmen Ziegenmilch gegru- selt haben. Außerdem sind immer ein paar dabei, die nie aufgehört haben, das naive Dummchen zu sein und die entsprechenden Fragen stellen: „Frollein, können sie mir von dem mal was abschneiden, der sieht ja lecker aus!“ – „Das ist eine Atrappe.“ – „Aber das macht doch nix!“ (Ich hab‘ dann auch immer ’ne Frage, allerdings stelle ich die nicht laut: „Wie kommen manche Leute eigentlich so durch’s Leben?“ Die waren doch mit 20 sicher schon dooftüdelich.)

Jedenfalls komme ich natürlich auch nicht drumrum, dann später ab und an mal was von der Tischkonversation aufzuschnappen: „Mensch Inge, ich hätte dich beinahe gar nicht wieder erkannt, so lange, wie das jetzt her ist! Du siehst ja gaaanz anners aus! GANZ anners! Jaja, manche werden im Alter ja dicker. Und andere werden viel dünner…
– Und manche auch beides!!!“

Meine Vorsätze für 2010.

Vorsaetze_2010

Ich finde, so allmählich könnte man sich ja schon mal Gedanken machen zum kommen- den Jahr. Schließlich soll 2010 gefälligst richtig super werden. Und weil man im Leben bekanntlich nix geschenkt kriegt, ist aktive Mitarbeit gefragt. Wenn das neue Jahr nämlich sieht, dass ich mir auch ein bisschen Mühe gebe, dann ist es vielleicht etwas netter zu mir als das alte.

Deswegen nehme ich mir jetzt u.a. vor, Regenschirme nicht mehr so ungeschickt stehen zu lassen, dass oben das ganze Wasser reinläuft, und ich werd‘ auch nicht mehr mit gro- ßen Handtüchern über’m Arm in der Gegend herumstehen. Und ich will auch künftig an der Eistheke nienie mehr „Zwei Kugeln Schoko und eine Vanille…“ verlangen, sondern lieber gleich „Drei Kugeln Schoko, aber zackich!“ – Ich muss sowieso bescheuert gewe- sen sein, – ich mag doch überhaupt kein Vanilleeis!

Und dass einem wild gepunktete Getränke und schon angebissenes Obst den schönsten Tag, ach-was-sage-ich: das ganze Jahr, komplett vermiesen können, hätte ich auch lieber früher gewusst. Diesen Fehler mach‘ ich sicher auch nicht noch mal.

Und vor allem gewöhne ich mir, und das mache ich direktemang und sofort, erstmal diese doofen, knallroten Schrägstreifen ab…

Zynismus an der Brötchentheke.

Beim Bäcker gibt’s neuerdings „Sägespänekuchen“ und so sieht der auch aus. Ich möch- te wirklich gern langsam mal wissen, wer sich da immer so pupslustige Namen aus dem Kreuz leiert. An „Jogger-„, „Weltmeister-“ und „Wellenreiterbrötchen“ hat man sich ja schon gewöhnt. Ganz klar, auf Hawaii z.B. ist der Sonnenblumenkernbrötchenverzehr traditionell ganz ordentlich. Hawaii ist schließlich für seine gigantischen Sonnenblumen- felder unheimlich bekannt! Deswegen ist der Van Gogh ja auch damals da hin und hat sich dann aber blöderweise mit Syphillis… Doch, doch. Das weiß ich genau.

Beim selben Bäcker gibt’s auch „Babystollen“. Also, sowas kann ich nicht kaufen. Tut mir leid, da hab‘ ich wieder so Assoziationen, Herr Dokter. Außerdem weiß der Bäcker wohl anscheinend nicht, dass er doppelt moppelt. Der Stollen an sich ist doch schon das stili- sierte, in weiße Tücher gewickelte Jesuskind. Und das Ganze jetzt auch noch in klein? Sollte Jesus am End‘ ein Frühchen gewesen sein?

Jedenfalls erinnert mich dieser „Sägespänekuchen“ unangenehm daran, dass ich schon ein paarmal gehört habe, dass Leute früher zu Kriegszeiten den Brotteig mit Sägemehl oder Kleister verlängern mussten, damit die Brote überhaupt noch mit bloßen Auge auf dem Tisch zu erkennen waren und sich später im Magen halbwegs bemerkbar machten. Von Kuchen wird man da höchstens geträumt haben. Ich weiß, ich denke manchmal zuviel Zeug, die Leute wollen ja bloß ihre Ruhe und unterhalten werden.

Und eben zu diesem Zwecke hat man sich auch ein schönes Gewinnspiel einfallen las- sen, – „Panem et circenses“: Ein Spiel um ein Jahresabo Brot.

Brot-und-Spiele

Ich weiß ja noch, als wär’s gestern gewesen, als Juvenal feststellte, dass man mit Brot und Spielen das Volk ruhigstellen kann. Ein Bierchen dazu wäre übrigens auch gar nicht schlecht, aber zur Not geht’s auch ohne.

Bis heute.

Heißt jetzt bloß „Pizza und Fernsehen“. Aber der Bäcker versucht’s noch mal auf die traditionelle Art. Der Gewinn: Für ein Jahr jede Woche ein Sauerteigbrot gratis!

Ja, so ein Brot pro Woche, damit ist der Lebensunterhalt eigentlich geritzt. Eigent- lich interessant dabei ist, dass dieser Preis genau einmal vergeben wird. Das kostet die Bäckerei doch glatt 20-30 Euro!

Aber tausende Flyer drucken.

Ich weiß nicht, mir ist ein bisschen schlecht…

Immerhin…

…konnte ich gestern mal wieder ein bisschen zu Freundin T.s Belustigung beitragen, weil ich mich nämlich irgendwie außerirdisch-stimmbrüchig anhöre und unabsichtigt Kiekser und Pfeitöne einbaue, wo ich’s gar nicht vorhabe. Das liegt aber bloß daran, dass ich total heiser bin. Offenbar springt mich im Moment alles an, was in der Luft liegt. Naja, und wenn man erstmal damit angefangen hat… – Vielleicht macht’s mir ja irgendwann sogar Spaß.

Das Lustige daran ist, dass ich gestern wieder total viel zu erzählen hatte und T. immer bloß ansetzte: „Hab‘ ich Dir denn schon erzählt, dass ich meinen Geburtstag erst im Januar…?“ – „Hast du.“ – „Und dass wir die Reise schon gebucht…?“ – „Neulich am Tele- fon.“ – „Wie nett meine neue Kollegin..?“ – „Bekannt.“ – „Mist. Ja dann musst Du!“ und schon ging das Gekicher wieder los.

Ich glaube, die Nachbarn denken, ich hätte mir einen sprechenden Raben angeschafft.

Mottoparty.

In letzter Zeit habe ich eigentlich ziemlich viel nachzudenken, habe aber kaum mal die Ruhe dazu, so dass ich eher das Gefühl habe, dass „es“ mich nachdenkt. Hat man ja manchmal so.

Das geht dann vermutlich irgendwie unterirdisch. Wahrscheinlich gibt’s unter dem Stra- ßenpflaster extra so Kanäle, wo das Nachdenken dann stattfindet, während es versucht, mit dem Nachzudenkenden Schritt zu halten. Und wenn dann alles fertig überlegt und durchdacht ist, geht irgendwo hinter mir ein Kläppchen auf und das Nachgedachte rennt ein Stückchen hinter mir her, bis es mich von hinten so geschickt anspringt, dass ich nicht den Eindruck habe: „Huch, es hat mich was angesprungen!“, sondern es wären plötzliche Erkenntnisse und Geistesblitze, die mich durchzucken.

Aber vielleicht ist alles auch ganz anders; – wer weiß das schon.

Wozu ich allerdings höchstselbst gekommen bin, ist, mal darüber nachzudenken, ob ich eigentlich ein Lebensmotto habe. Und überraschenderweise habe ich sogar drei!
(Gelogen. Eigentlich ist das überhaupt kein bisschen überraschend, denn die Drei ist schon immer meine Zahl gewesen.)

Das erste ist schon sehr alt:
„Solvitur ambulando“ – Es wird im Gehen gelöst.

Jeder der weiß, wie sich Gedanken beginnen, im Gehen aufzutüdeln und wieder ordentlich aufzuwickeln, weiß, was ich meine. Das Gehen ist irgendso’n altes nomadisches Ding im Menschen, das Denkprozesse anstösst und durch den Rhythmus ordnet. Dafür braucht’s nicht mal Jakobswege oder so. Ein langer Spaziergang, einmal die Woche, tut’s auch. Das ist mir in letzter Zeit ein bisschen abhanden gekommen, aber verloren gehen wird mir das glücklicherweise nie. Geschrieben hab‘ ich auch schon ab und an mal was dazu.

Das zweite habe ich mal irgendwo aufgeschnappt. Vielleicht von Konfuzius oder einfach aus einem Glückskeks:
„Wenn im Zweifel, tue es nicht.“

Das schöne an diesem Motto ist, dass man ziemlich schnell weiß, ob man wirklich im Zweifel ist. Es hängt nämlich von der Fragestellung ab, die man sich dann zu Hilfe nimmt. Schließlich kann man ja zweifeln, ob man etwas tut oder ob man lieber etwas lässt… Wenn ich tatsächlich nicht weiß, wie ich die Frage stellen soll, weiß ich zumindest, dass ich sie vertagen muss.

Das dritte Motto lautet, und darauf bin ich eventuell sogar selbst gekommen:
„Frauen halten die Welt zusammen!“

Das erlebe ich immer wieder, und in letzter Zeit besonders. Frauen melden sich, schrei- ben mal eben, rufen an, kommen vorbei, haben Kuchen und/oder hilfreichen Likör dabei, hören zu, sehen mehr, verstehen deshalb, umarmen, erfassen die Situation, wissen, was zu tun ist, krempeln mal eben die Ärmel hoch und packen an. Sie kümmern sich, nicht nur in Notzeiten. Weil sie wissen, wie es geht. Und weil sie wissen, wie sehr es hilft. Und wichtig: Ratschläge, die man gebrauchen kann, kommen von Frauen meistens auch erst dann, wenn man sie auch gebrauchen kann. Auch außerhalb von kritischen Phasen sind es doch eher die Frauen, die das Rad am Laufen und das Feuerchen warm halten. Natür- lich gibt’s auch Männer, die „soziale Kompetenz“ gut können, ich kenne sogar welche persönlich, aber ehrlich gesagt, gibt’s mir noch zuwenige davon. Ich hoffe aber.

Jedenfalls finde ich, mit diesen drei Mottos, Motti, Weisheiten kommt man ziemlich gut von einer Woche in die nächste. Eins davon passt immer, um sich wieder ein Stückchen zu bewegen. Das wollte ich nur eben sagen, bevor ich auch schon wieder weiter muss…

Das muss auch erstmal einer nachmachen: Doppelrespekt für’s Gegangenwerden.

Heute also wieder Arbeit. Nützt ja nix. Muss ja. Und sonst so.

Als ich ankomme, guckt mich die doofe Kollegin mit großen Plüschiaugen an und meint, ich solle gegen zehn mal zum Chef reinschauen. „Zum Alten?“, frage ich. – „Mhm.“, mehr kriegt sie nicht raus. – „Och, ich weiß schon, was der will… Dann geh‘ ich mal gleich, nech?“, sage ich, und denke aber: …bevor ich mir dieses Leidensbild hier noch länger angucken muss.

Ist doch wahr.

Drüben bietet man mir Tee an, aber ich verzichte wegen Magenmalesche und gucke mög- lichst aufgeweckt, aber nicht, zu.

Erstmal höfliches Geplauder: „Wieder gesund?“ – „Fast. Arbeitsfähig.“

Der Alte legt los: Jaaaa, man hätte sich ja schon vor einer Weile beraten, wie es denn mit unserer Abteilung… …Krise… …jetzt mal ehrlich… …Sparenmüssen… …brummbrumm… …etwas verkalkuliert… …schließlich sei es ja kein Gastrokonzept… …herumherum… …schrummschrumm… …er als Arbeitgeber… …nicht persönlich nehmen… …vom Wirt- schaftlichen her gesehen… …früher… …leiderleider…- kein neuer Vertrag im Februar.

Da werde ich wieder wach und versichere, dass ich, da ich ja pfiffig sei, mir das alles auch schon zusammengereimt hätte, es vom Kaufmännischen her sogar verstehen kön- ne, es selbstverständlich nicht persönlich nähme, da ich wüsste, dass man mit mir vollauf zufrieden sei. Und ich würd‘ schon was finden, weil ich ja schließlich ’ne patente Person sei.

Der Alte unübersehbar überrascht, aber angetan. Ich sei ihm durchaus auch als pfiffig aufgefallen, sogar eigentlich zu pfiffig für diese Position. (Abwinken meinerseits: „Hat mich aber nicht weiter gestört.“) Er sei mit mir, im Gegensatz zu meinen Vorgängerinnen, wirklich sehr zufrieden, da gäb’s kein Vertun. (Einwurf meinerseits: „Dann freu‘ ich mich schon auf ein schönes Arbeitszeugnis!“) Dann noch’n büschen Geplänkel, wirklich sehr schade, aber so sei es nun mal, da kann man nichts… er führe solche Gespräche übri- gens höchst ungern, denn man wisse ja nie, ob das Gegenüber nicht plötzlich weinend rauslaufe und so. Ich: „Och, ich bin ja froh, dass das nu‘ alles raus ist, sonst hätte ich hier bald mal angefragt. Ich hab‘ lieber, wenn man offen sagt, was Ambach ist und die Leber rausrückt“ (oder so ähnlich).

Also tatsächlich Erleichterung und irgendwie Augenhöhe auf beiden Seiten des Tisches und dann noch viel Glück und, na, zwei Monate sind’s ja noch und dennwollwamalwieder.

Ich gut gelaunt wieder rüber in „unser“ Gebäude. Und der Kollegin Augen…, man glaubt’s beinahe nicht, sind fast noch plüschiger geworden. (Kann man denn Belladonnatropfen noch immer frei in Apotheken kriegen?)

Ich sollte nun also mal kräftig was vorleiden, wollte aber nicht, weil tatsächlich eher gute Laune. Angeblich wisse sie die ganze Sache auch erst seit Montag. (Klar, deswegen soll ich ihr seit zwei Wochen schon dauernd zeigen, wie sie mit dem Computer auch mal allein klar kommt. Dafür hat sie sich im letzten Dreivierteljahr ansonsten ungefähr 3’n’halb Minuten lang interessiert.) Ewig lang nervt sie mich, sie werde mich sooo vermissen! („Mhm.“) Was sie denn alleine dann hier…! („Mhm.“) Es sei doch so eine irre gute Zeit gewesen! („Mhm.“) Es täte ihr so wahnsinnig leid! („Jup.“)

Nach zwei Stunden hatte ich es endlich geschafft, sie auf’s Wetter und auf eine Fernseh- sendung mit Ina Müller umzuschwenken. (Die ich allerdings gar nicht gesehen habe. Aber sie schon. Also, die Kollegin. Frau Müller sicher später auch noch mal.) Das war aber fast ebenso unangenehm wie das Kündigungsgeschwafel, weil die Kollegin eine mittelbe- rühmte Sängerin, die wohl da mit aufgetreten ist, fortwährend als „Yvonne Knatterfeld“ titulierte und sowas kann ich nicht leiden, wenn jemand über 10 ist. Zum Glück klingelte auch noch ab und zu das Telefon.

Später, als die Kollegin schon weg war, kam dann auch noch mal der jüngere Chef rüber, um noch mal nach mir zu sehen. Das fand ich sehr nett, muss ich sagen. Für einen Chef kann ich ihn nämlich gut leiden, weil man mit ihm ganz burschikos reden kann, ohne dass er sich herabgesetzt fühlt. Außerdem hatte ich schon im Sommer mitgekriegt, dass er mich offenbar auch schätzt.

Er war jedenfalls genauso überrascht, dass ich alles so mit Fassung trage. Die Frage, was ich denn sonst machen soll, beantwortete er bloß mit „Naja!“ Und dann erklärte er mir auch noch mal den ganzen Sums von weiter oben, dass er mit mir total zufrieden sei, er hätte auch überlegt, ob man mich nicht woanders und so… Und ich bekäme aber ein tolles Zeugnis! Ich war schon knapp davor, ihn zu trösten, konnte mich aber gerade noch zusammennehmen.

Am schönsten war aber, als er sagte, man sähe im Übrigen in der Geschäftsleitung sehr genau, dass die Kollegin ohne mich sicher ordentlich ins Eiern kommen wird. Computer- mäßig wisse sie ja recht wenig Bescheid, und vom Organisatorischen her ahne man auch reichlich, was ich da in letzter Zeit alles aufgefangen hätte. Er habe lange auch überlegt, ob man mich in eine andere Abteilung (ich pass‘ aber in keine andere Abteilung), oder aber mich lieber behalten und sie… „Gott bewahre!“, rufe ich schnell, „Das hatte ich ja nun schon länger mal gesagt, dass ich das gar nicht so gerne hätte.“ (Deren beknackten Job möchte ich nämlich nicht geschenkt und wenn sie mir bündelweise Euroscheine hin- terher werfen!) Aber falls mal was Passenderes frei würde, könnten sie mich gern anrufen. Er: „Das sowieso!“

Jedenfalls, auch dieses Gespräch endete mit Erleichterung darüber, dass nun alles offen gesagt und keiner sauer ist und man übereinkommt, die letzten zwei Monate noch wie gehabt und anständig rumzukriegen.

Und ich glaube fast, beide Chefs haben hinterher heimlich gedacht: Die Frau G., die hat so Körperteile, die man bei Damen normalerweise eher nicht findet.