Zum Mitnehmen, bitte!

Man hört ja neuerdings so oft, dass man gefälligst mobil zu sein hat. Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß können nach Hause gehen. Hauptsache, man ist flexibel, ein Teamplayer und eben mobil. Das gilt nicht nur für Angestellte, sondern natürlich auch für Selbständige. Um auch unterwegs lästigen Bürokram erledigen zu können, bietet PLÜS dieser Tage das mobile Büro für einzwei Piepen fuffzich.

Zuerst sieht man’s mit bloßem Auge kaum, dann aber ist man schlagartig vollstens überzeugt. Alles dabei, was man braucht: Ein Druckbleistift, ein normaler Bleistift, ein Kuli. Und ein hübscher „Mini-Aktenvernichter“ von der Größe eines großen Päckchens Zigaretten. Und weil er so mini ist, hat er wenigstens eine auffällige Farbe, dann findet man ihn auch im Rucksack wieder, wenn man unterwegs mal eine Akte schreddern muss.
Ich würde das ja gerne mal sehen, wie das jemand ausprobiert. Der Schlitz zur Einspei-
sung der Akten ist gut und gerne 55 mm breit. Da schreddert man per Handkurbel ordentlich was weg und hat bis Einbruch der Dunkelheit bestimmt fast eine ganze DIN A4-Seite verwurstet. Toll.
Aber steht ja auch drauf:

Minibüro
– Handbetrieb

– Für sicherer Vernichtung von Ihrer   Akten zu Hause und ins Büro

– Kap. 55 mm

– 2 Gleitschutzfüße

 

 

 

 

 

 

 

 


Die Füße finde ich, glaubich, am Besten. Die hebe ich mir für den Winter auf. Wer weiß, vielleicht gibt’s da ja wieder mal so ein dickes Glatteis wie Ende 2002, als ich hier im Stadtteil über die gebogene Brücke am „Schwarzen Bären“ musste und ewig nicht rüberkam, weil ich immer wieder rückwärts wegrutschte. Der, der mich damals vielleicht beobachtet und heimlich ausgelacht hat, muss mir dann demnächst mal was vorschreddern.

Wer nicht zu spät kommen will, den bestraft das Leben

Als Freundin T. neulich mal wieder hier war, ich weiß nicht warum, fiel’s mir wieder ein: Es war Ende der 80er, und ich war mitten in der Ausbildung. Ich muss also so um die 20 gewesen sein, hatte bereits eine eigene Wohnung, die ich eigentlich nicht bezahlen konnte, und in der es vor allem echt wild aussah. Das Ordentliche hatte ich mir nämlich noch nicht angewöhnt, dazu hatte ich erst später Zeit.

Eine meiner Angewohnheiten war es damals, mir die Klamotten abends einfach vom Leib zu zerren und auf einen Sessel zu schmeißen. Eines morgens wachte ich viel zu spät auf, erschrak darüber, duschte so fix, dass das Wasser kaum Zeit hatte, warm zu werden, kramte meinen Krempel zusammen und ein frisches T-Shirt raus, stieg in die Jeans vom Vortag, schnappte eine Jacke und hetzte zur Straßenbahn, die mich zur Arbeit bringen sollte. Unterwegs guckten mir ein paar Leutchen hinterher, wie ich da so langrannte. An der Haltestelle guckten auch ein, zwei. Ich vermutete, weil ich so rot und zerzaust war, vom Gerenne. Dann kam die Bahn, ich stieg ein, fand keinen Sitzplatz und stellte mich irgendwo in den Gang.

Gerade wollte ich froh sein, weil ich jetzt sogar noch halbwegs pünktlich käme, da zupfte mich eine Frau am Ärmel: „Sie haben da was, Frollein…!“ Sie deutete ernst nach unten. Aus meinem Hosenbein hing ein guter Meter Nylonstrumpfhose hinten raus! Ich zog eine kleine schwarze Schleppe hinter mir her! Deswegen guckten die alle so… Und jetzt natürlich erst recht. Ich hatte die Strumpfhose im Hosenbein vergessen, als ich sie mir abends zuvor zusammen mit der Jeans einfach runterpellt hatte. (Damals trug ich durchaus gelegentlich mal Strumpfhosen unter der Jeans, das war ja so üblich. An dem Tag trug ich eigentlich keine. Dachte ich.)

Wahrscheinlich rauschte mir schlagartig das Blut komplett aus dem Kopf, denn ich kann mich ü-ber-haupt nicht mehr erinnern, was ich dann tat. Heutzutage würde ich bestimmt lachen und vielleicht sagen: „Ich weiß. Das gehört so!“ Ich schätze aber, ich bin damals in Duldungsstarre gefallen und habe versucht, die Tatsache, dass nun alle interessiert guckten, zu ignorieren. Sicher bin ich mir, dass ich mir sehrsehr heftig wünschte, die Station Kröpcke wäre endlich bald erreicht. Und dass ich in den Tagen danach früher aufgestanden bin, um eine andere Bahn zu nehmen.

Ich würde jetzt gerne behaupten, dass ich danach nie wieder Strumpfhosen getragen habe, aber das würde ja gar nicht stimmen…

Hummel, Hummel!

Hab’ gestern Tomaten gekauft.
„Norddeutsche Tomate“, steht auf dem niedlichen kleinen Schildchen, das sie tragen. Liest sich schomma ungewöhnlich. Die Tomaten sehen aber lecker aus. Eigentlich genau, wie Tomaten immer so aussehen. Auf des Schildchens Rückseite steht, man soll sie bei Zimmertemperatur aufbewahren, und zwar mitnichten im Kühlschrank.

Und dann steht da außerdem: „Durch Hummeln befruchtet.“
Befruchtet! Das klingt ja vielleicht.
Wieso nicht gleich:
„Wir lassen von Hummeln befummeln!“
„Wenn Blüte die Tomate ziert, die Hummel sich dort verlustiert!“
„Blüht die Blüte der Tomate, denkt die Hummel schon: Na warte!“
„Welch ein Gequietsche und Gesummel! Tut’s die Tomate mit der Hummel?“
„Wo die Hummeln leise schnaufen, geh’ ich mir Tomaten kaufen!“

Können die da nicht draufschreiben „Durch Hummeln bestäubt?“
Wahrscheinlich fand man aber „Frucht“ im Zusammenhang mit Tomaten schöner als „Staub“. Allerdings so im ersten Moment überlegt man doch kurz, ob man was essen möchte, das von irgendwem vorher befruchtet wurde.

Hummeltomaten

Zumindest werde ich sie schön abspülen. Aber das mache ich sowieso immer. Schon allein wegen der BSE-Viecher.

Verschossen

Neulich war ich mal wieder bei einem Feuerwerk. Ich hatte nämlich ganz lieben Besuch, und da dachte ich: Wenn Hannover schon einen Feuerwerkswettbewerb ausrichtet, der im Sommer an fünf Samstagen von verschiedenen Ländern bestritten wird, dann soll man das auch bei Gelegenheit zur Besucherbelustigung vorführen. Der Wettbewerb findet im großen Barockgarten in Herrenhausen statt, und man kann, wenn man pfiffig ist, eine gut gekühlte Flasche Sekt mitnehmen und was zum Schnabulieren, und sich’s schon vorher im Garten gemütlich machen, bis es dunkelt.

Man darf sich aber nicht stören lassen von herummarodierenden Sauftrüppchen, die tat-
sächlich mit Getränke-Bollerwagen und laut vorgetragenem Liedgut über die beheckten Wege ziehen. Ich war ja lange nicht dort gewesen und wunderte mich ein bisschen über die neuen Sitten. Sowas sieht man hier ja eher zu Himmelfahrt oder beim Schützenaus-
marsch. Neuerdings wird der Wettbewerb aber von einem schlimmen Radio präsentiert, und ungefähr genauso hatte ich mir die Hörer auch immer vorgestellt.

Dann hatte es fertig gedunkelt.
Wir wurden von Ordnern von der Bank gekämmt und sollten uns bitteschön in den vorderen Teil des Gartens bewegen, der Sicherheit wegen. Wessen Sicherheit, wurde nicht gesagt. Natürlich wollten wir einen feinen Ausguck finden, und nach meiner Erinne-
rung durfte man früher auch seitlich zum Geschehen stehen. Aber wir wurden überall weggejagt und mussten mitten zwischen die Leute, die im so genannten Ehrenhof zusam-
mengepfercht wurden. Das ist nämlich sicherer.

Wenn ich mir ein Feuerwerk angucke, habe ich immer Schiss, dass in meiner Nähe alles voller „Aaaah!“- und „Ooooh!“- Rufer ist. Ich hatte auch schon mehrmals das Vergnügen, vor oder neben einem „Chemiker“ zu stehen, der genau sagen konnte, mit welchen Pülverchen man welchen Farbeffekt erzielt („Magnesium für Silber, Eisen für Rot“…). Und der das auch tat, das Sagen. Und zwar ausführlich. Nie, nie, nie werde ich verstehen, warum man sich das nicht einfach angucken und still genießen kann!
Ich liebe nämlich Feuerwerk über alle Maßen und kann sehr traurig oder wütend werden, wenn man es mir zutrötet. Zum Glück hatten wir Glück, was das anging.

Weniger Glück hatten wir mit der Musik. Das Feuerwerk wurde von Südafrika ausgerichtet und nachdem sie die „Pflicht“ zu klassischer Musik eigentlich wunderbar hingelegt hatten, kam die „Kür“. Es fing gut an, mit ganz schöner spanischer Gitarrenmusike und ich war auch tüchtig ergriffen, als es plötzlich poppig wurde und mein Begleiter amüsiert fest-
stellte, dass ein gewisser Herr Frank Farian wohl neuerdings in Südafrika ganz groß rausgekommen sei. Da konnte ich auch nur noch lachen. Bon Jovis „Keep the faith“ in fieser Instrumentalversion.  Das kann ich so schon nicht leiden. Irgendwie musste ich an Eimer mit kaltem Wasser denken und beim Fernseher hätte ich jetzt den Ton runterge-
dreht. Dann kam ein Stückchen von Orffs „Carmina Burana“, aber genau an der Stelle, wo es toll wird (wenn die Becken und Pauken losdonnern!), bog das Ganze schon wieder zu farian’scher Pop-Fiesigkeit ab. Überraschenderweise schien das außer uns niemanden zu stören. Hinterher hörte man überall, wie schön das wieder gewesen sei. Ich mag aber nicht glauben, dass das alles Leute waren, die sich auch ohne mit der Wimper zu zucken Waldmeistersirup in den Champagner kippen würden… Ich glaube eher, dass viele sich eine Rechtfertigung für das Kaufen der doch ganz schön teuren Eintrittkarten zusammen-
reden wollten.

(Ich habe übrigens auch schon Feuerwerke gesehen, die zu Popmusik zusammengestellt waren, z.B. zu „Bohemian Rhapsody“ von Queen, oder „Dark side of the Moon“ von Pink Floyd. Das war reinewegs zum Gänsehaut kriegen! Aber am Schönsten finde ich’s doch immer noch zu klassischer Musik, am besten zu Arien. Warum macht nicht mal einer was zu „Lacme“ von Delibes, hm?)

Auf dem dunklen Nachhauseweg fuhr ich übrigens noch durch die Scherben einer Bier-
flasche, die jemand netterweise auf den Fahrradweg hatte fallen lassen. Wahrscheinlich hat er es nicht gemerkt, und deshalb lagen die da noch. Also schoben wir nach Hause, angetrunken, amüsiert und ein bisschen müde, während uns mein platter Vorderreifen ein Liedchen zusammenknautschte.

Am kommenden Wochenende ist Großbritannien dran mit Feuerwerkerei.
Ich weiß aber noch nicht, ob ich mich traue…

Küchensofagedanken am Morgen (Teil 4) – „Immerhin ehrlich!“

TheobrominenfuesseHeute bin ich mal ernst.
Seit Jahren beobachte ich das schon: der Umgang der Leutchen miteinander wird irgend-
wie immer egaler. Und man hat immer bessere Ausreden dafür. Eine ganz beliebte Ausrede z.B. ist diese: „Ich sag’ immerhin ehrlich meine Meinung!“ Wahlweise auch: „Ich sag’s dir wenigstens offen ins Gesicht!“

Mit diesen Aussagen werden oft die reinsten seelischen Grausamkeiten abgeschlossen. Und der Angesprochene traut sich nicht mehr zu piepen, denn gegen Ehrlichkeit und Offenheit kann man ja nichts haben! Dass man vielleicht gerade mitgeteilt bekommen hat, dass man doof und hässlich ist und stinkt, scheint nur noch die Nebenbotschaft zu sein. Auch, dass der Liebste sich vielleicht ab sofort lieber einer Anderen zuwenden möchte, lässt sich doch viel besser verdauen, wenn man’s grob um die Ohren gehauen bekommt. Schließlich muss man sich doch die Wahr-
heit sagen! Offen und ehrlich!

Natürlich soll man das. Ich bin ja auch sowas von dafür. Aber man kann ja auch kurz mal vorher überlegen, was diese Wahrheit im Anderen anzurichten vermag. Egal, ob es eine große oder kleine Wahrheit ist. Und dann mal gucken, ob man sie wirklich schonungslos raushauen muss. Ich meine jetzt nicht, dass man etwas beschönigen oder weglassen soll. Aber wer dazu fähig ist, sollte zumindest kurz mal einen Perspektivwechsel simulie-
ren und sich vorstellen, wie er/sie sich selbst als Wahrheitsempfänger wohl fühlen würde.

Komischerweise bemühen sich nicht viele Leute um diese innere Vorarbeit und klotzen mal lieber gleich los. Haben die alle selber so ein dickes Fell? Also, eben keine Ahnung, wie man sich fühlt, wenn man fiese Brocken vor die Füße geschmissen kriegt? Denn meistens sind das doch Nachrichten, die ganz persönliche Dinge betreffen, die aufs Selbstbild zielen. Und da ist es eben nicht „sowieso schon egal“, wie man etwas sagt. Natürlich werden schlechte Nachrichten oder Anwürfe nicht besser davon, dass man sie freundlich vorträgt. Aber es gibt normalerweise auch keinen Grund, ihnen durch rüdes, unsensibles Verhalten noch größeres Gewicht zu geben.

„Ich bin ja wenigstens ehrlich!“ ist eins dieser beliebten Mundtotargumente. Also somit keins. Es soll den Empfänger der Botschaft stumm machen und auch das Gewissen des Senders. Aber das muss man ja auch erstmal wissen. Und nicht etwa den Totschläger auch noch für seine gute Tat loben.

Ein Hilfsmittel, das es meiner Meinung nach ermöglicht, die auch schlimmsten Wahrhei-
ten schonender zu transportieren, ist die Diplomatie. Verbunden mit dem schon beschrie-
benen Einfühlungsvermögen, genannt Empathie. Manche verstehen unter Diplomatie inzwischen vielleicht „jemanden geschickt übers Ohr hauen“. Aber eigentlich ist nichts anderes gemeint, als eben so zu vermitteln, dass möglichst wenig kaputt geht, ja vielleicht sogar beide Seiten einen Gewinn haben. Man kann damit tatsächlich fast alles verträglicher formulieren, ohne die Tatsachen zu verschwiemeln, das weiß ich aus Erfahrung (beider Seiten, übrigens). Und das ist gerade im Umgang mit Anderen wichtig. Die Mühe kann man sich doch ruhig machen, oder? Ich finde, ja. Ehrlich gesagt.

Fieber! (3)

Habt Ihr alle schön geübt? Dann gibt es heute zur Belohnung mal ein bisschen geschichtliches Hintergrundwissen. Das ist auch wichtig.

Heutzutage ist es ja so, dass man zum Tanzen in die Disco geht. Alles andere ist dort inzwischen offiziell verboten, glaub’ ich. Man steht cool rum oder bewegt sich eben ein bisschen, und bis vor kurzem musste man dann auch noch Alcopops dazu trinken. Ganz schön schwierig, aber machbar. In den 70ern war das noch ganz anders. Aber das waren auch ganz andere Zeiten und alles musste viel, viel freizügiger, ja sogar sexy sein. Man sollte sogar rauchen! Das kann man sich heute kaum mehr so richtig vorstellen. In dem Disco-Tänze-Buch kann man ja noch sehen, was damals los war, und ich habe auch davon sprechen hören. Hier also die ganze Wahrheit.
 

Chicken_wings






Dieses Huhn ist aufgeregt.
Zumindest sieht es so aus. Aber eigentlich befindet sich im Innern eine ausgetüftelte Mechanik, die nervöses Flattern vor dem eigentlichen Akt simulieren soll.

Es handelt sich nämlich um eine „Sexma-
chine mit Chicken-Wings“. Frag’ mich lieber niemand, ich kann’s mir auch nur ausmalen; – ich nehme an, solche Gerätschaften hatte man in den 70ern in den Tanzsalons zur Er-
bauung der anwesenden Gäste. Und zwar in jeder Ecke eins.


Wenn die Gäste dann ausreichend erbaut waren, hielt es sie nicht mehr auf den Sitzen und sie umtanzten sich gegenseitig zunehmend wilder mit immer eindeutigeren Posen. Sogar mit Zappzerapp-Händen! Puh! Wahrscheinlich hat man sich auch noch zugezwin-
kert! Und wo sowas hinführt, bzw. wie solche Abende dann ausgehen, weiß man ja.
Also, ich nicht. Aber Leute, die ich kenne.

F_Broadway

Und die haben mir erzählt, dass sich zu vorgerückter Stunde, wenn die „Bude am Kochen war“, oft Pärchen bildeten, die aus ihren Absichten dann keinen Hehl mehr machten. Manchmal kannten die sich vorher nicht mal! Und fingen dann auch schon mal an, sich sogar an den Händen anzufassen.

Das war das Zeichen: An dieser Stelle muss dann wohl ein Guide oder sowas erschienen sein, um das aufgeregte Paar auf eine „Führung“ in die „Liebkosung“ mitzunehmen. Wahrscheinlich fand diese Führung dann in Katakomben oder Hinterzimmern statt. Und hätten wir nicht das Buch mit den überlieferten Texten, könnten wir uns kaum darüber ins Bild setzen, welche komplizierten Vorgänge dann ihren Lauf nahmen. Man versteht heute ja nicht mehr alles. „Duck-Dich“ z.B. sagt mir nichts, aber „Damensolo unter rechtem Arm tanzen“ spricht ja wohl Bände.

Liebkosung

Meine Herren! Muss das ein wildes Jahrzehnt gewesen sein!
Das muss man erstmal verarbeiten.

Wer üben will, der übe!
Nächste Woche kommt dann auch schon der letzte Teil.

"Oh, Du…"

Ich fasses nicht: Unter mir übt jemand Blockflöte!
Und zwar, festhalten: „Oh, Du Fröhliche“!
Naja, immerhin, wir haben den 1. September. Gerade gestern sprach ich mit Freundin M., die Japanerin ist (und just von einem Besuch aus Japan zurück), darüber, dass es ja schon wieder Lebkuchen gibt. Jedes Jahr das Gleiche. Ich merk’ das schon gar nicht mehr. Ihr fällt das ja noch auf, weil sie erst seit ein paar Jahren in Deutschland lebt. Ich erzählte ihr, dass sich auch jedes Jahr alle drüber aufregen, dann aber trotzdem zugreifen. Und dem Handel somit wieder die Bestätigung geben, dass es sich lohnt, im August Lebkuchenherzentütendisplays aufzustellen. Da zog sie die Augenbrauen hoch und dachte bestimmt: „Die Deutschen! Ein verrücktes Volk!“

Und gestern Abend fiel mir mal so auf, dass es eigentlich fast nur noch Serien über Tote gibt. Allein diese ganzen Sachen über Gerichtsmedizin! Ich guck das ja nicht, deshalb kann ich nur Vermutungen anstellen… Ich vermute, dass die Leichen in diesen Serien so ausführlich gefleddert werden, dass der Gerichtsmediziner genau sagen kann, ob der Täter wirklich eine schlechte Kindheit hatte, ob er zum Frühstück Marmeladenbrot hatte, welche Musik er beim Morden hörte und auf welcher Seite er seinen Scheitel trägt. (Dazu fällt mir jetzt ein, dass im aktuellen „stern“ zum Thema Haare steht: „Jesus. Erfinder des Mittelscheitels. Jörg Wontorra dankt es ihm bis heute.“)
Jedenfalls gibt es nicht nur Serien über kluge Pathologen, sondern sogar mindestens zwei über Frauen, die Gespenster sehen und mit ihnen sprechen können.
„Na? Wie isset?“
„Muss ja!“
„Und sonst so?“
„Och…“
Das sind natürlich Frauen, weil Frauen ja so viel empfindsamer sind.
Männer schneiden auf, Frauen hören erstmal zu.

Jetzt ist unten von Blockflöte auf Trompete gewechselt worden! Herrjeh! Was soll’n das für’n Lied sein? Hä? Oh, ich glaube, jetzt erkenne ich: „Hänschen Klein“. Na fein. Da will jemand offensichtlich ernsthaft das Spielen eines Blasinstruments erlernen.
Ich bin begeistert.

Moment mal, das kommt gar nicht von unten… Das kommt von oben! Von der Nachbarin, mit der ich gerade neulich noch sprach. Vielleicht hat sie deswegen so gelächelt, weil sie dachte: „Ach, Regalbollern. Ach, Handyrappeln. Wart’s ab! Ich hab’ mir ’ne schöne Pustefix bestellt, hehehe…“
Solange um zehn Ruhe ist, meinetwegen.

Theobrominenvormittag (ganz normal)

Als ich neulich aufwachte, lag ich tatsächlich diagonal, ja fast quer im Bett, das passiert mir sonst nie. Sonst liege ich immer schön parallel zur Bettkante, wie mit’m Lineal gezogen (nee, ehrlich gesagt, stimmt das eigentlich gar nicht). „Na“, dachte ich, „das geht ja schon mal ein bisschen schräg los, heute.“

Ein bisschen später fiel mir auf, dass ich ja noch ganz schnell meine Steuererklärung machen musste! Ich hatte gemeint, noch ein paar Tage Zeit zu haben, bis ich ganz zufällig noch mal auf das Erinnerungsschreiben des Finanzamts guckte. Das Ausdrucken der Steuerformulare dauerte fast ewig, weil man die Winzbuchstaben darauf nur lesen kann, wenn man das Zeug in Superqualität druckt. Beinahe wäre schon wieder die nächste Steuererklärung fällig gewesen… Zum Glück ging das Formulare ausfüllen doch um einiges schneller. Munter kreuzte ich an, trug überall Nullen ein, oder ähnlich niedrige Beträge, und unterschrieb schwungvoll. Und weil ich sowieso zum Einkaufen radeln wollte, tütete ich alles ein, ums unterwegs in den Briefkasten zu schmeißen.

Dann quetschte ich den Rucksack voll mit leeren Petflaschen, klemmte mir noch einige davon unter den Arm, nahm die Mülltüte aus dem Eimer, holte den Brief aus dem Wohnzimmer, klemmte ihn zwischen die Lippen, fand meine Jeansjacke im Wohnzimmer liegen, nahm sie gleich mit in den Flur, wo ich sie im Vorbeigehen aufhängen wollte, dann fiel mir ein, dass ich vielleicht das Handy mitnehmen sollte, also rannte ich noch mal in die Küche ums zu holen und zurück, und dann endlich fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Erst unten im ersten Stock merkte ich, dass ich die Jeansjacke blöderweise mitgenom-
men hatte, statt sie an die Garderobe zu hängen. Also ging ich tatsächlich noch mal zurück. Tür auf, Jeansjacke in den Flur gefeuert, Tür wieder zu.

Unten im Hof traf ich auf die Nachbarin, die über mir wohnt. Gute Gelegenheit, sie mal anzusprechen! Sie ist nämlich sehr laut und neulich musste ich doch wirklich und tat-
sächlich mal mit einem Besenstiel an die Decke bumpern, was überhaupt nicht meine Art ist, weil sie abends gegen zwölf noch Regale montiert hat, mit Getöse! Dass ihr Akku-
schrauber etwas schwach auf der Brust war, bekam ich auch gleich mit, denn der schien immer wieder aus dem kleinen Kreuzchenloch der Schraube zu springen und hoppelte dann so, dass ich es unten gut hören konnte. Außerdem ließ sie immer wieder Teile (Schraubenzieher) fallen, bzw. lösten sich welche (Regalbretter), die dann knapp über mir auf dem Boden auf-, ach was, einschlugen. Fast wäre ich hochgegangen, um ihr das Mistteil mal eben selber zusammenzuschrauben. („So! Bidde sehr! Geht doch! Schüss!!!“) Ich konnte mich aber gerade noch so zusammenreißen. Ich war ja auch bettfertig, quasi in Pyjamajacke, wenn ich da schon eine gehabt hätte.

Also redete ich sie nun im Hof von der Seite an und es entwickelte sich ein durchaus nettes Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie gar keine Ahnung hatte, wie laut sie manchmal wird und dass das Haus überhaupt so hellhörig ist. Sie wohnt ja ganz oben, da kriegt sie das nicht so mit. Am besten war, als ich ihr sagte, dass ich weiß, dass ihr Handy mit der Titelmelodie der „Simpsons“ klingelt und dass ich mal fast vor Schreck aus dem Sessel gekippt wäre, als sie es auf Vibrationalarm gestellt und dann auf ihrem Laminatboden abgelegt hatte, wo es natürlich auch prompt loswuchtbrummte.

Da war sie baff und ich schob gleich hinterher, dass sie tagsüber ja nun meinetwegen machen kann, was sie will. Meinetwegen kann sie Reitturniere da oben ausrichten oder Square Dance-Nachmittage, aber gegen zehn hätte ich eben gern meine Ruhe, weil ich da schon mal so durchgedrehte Sachen mache wie lesen und später einschlafen.
So’ne Ausgeflippte bin ich!

Die Nachbarin war aber ganz lieb und einsichtig und grinste, weil ich sie so freundlich angesprochen hatte, und da war ich richtig froh, dass wir uns begegnet waren. (Übrigens ist das auch die Nachbarin, die nächtens Bettkastenkonzerte veranstaltet, aber dazu sagte ich nichts und hoffte, dass sie diese Querverbindung auch ohne meine Hilfe zöge.) Als sie weg war, schloss ich den Fahrradschuppen auf und fing an, meinen Krempel ins Fahrradkörbchen zu packen. Dabei fiel mir auf, dass ich immer noch den ollen Müllbeutel dabei hatte! Deswegen hatte die Nachbarin vielleicht so ein bisschen vergnügt geguckt.
Dicken Rucksack, angeknüdelte Flaschen unterm Arm, Briefumschlag im Gesicht und Mülltüte dabei, und dann was von Hausordnung erzählen! Das hätte ich auch komisch gefunden. Also schnell in den Müllcontainer mit der Tüte.

Beim Einkaufen war alles wie sonst auch. Das heißt, ich vergaß, Joghurt zu kaufen und es fiel mir erst ein, als ich schon wieder in meine Straße einbog. Dafür hatte ich immerhin den Brief eingschmissen, wenn auch erst auf dem Rückweg, so dass er wohl etwas ange-
knüllt bei den Herren Finanzbeamten auf dem Tisch landen wird.

Und als ich im Hof ankam, tummelten sich da vier Jungs im Alter von vielleicht 8-12 Jahren und spielten Verstecken. Als der eine anfing, zu zählen (und zwar: „10, 20, 30, 40, 50, 60, 70, 80, 90, 20, 21, 22, 23, 24…“), hob einer der anderen Jungs den Deckel der Mülltonne, in der nicht nur meine Tüte lag. Zum Glück rief er: „Boh! Stinkt schlimm!“ und klappte sie wieder zu. Ich sammelte meine Einkäufe aus dem Fahrradkorb (6er-Pack Wasserflaschen, vollen Rucksack, Laminierzauberkasten) und guckte kurz nicht hin. Als ich den Fahrradschuppen wieder abschloss, sah ich noch, wie der Deckel der Wertstofftonne zuklappte… „Hoffentlich wird die jetzt nicht gleich geleert“, dachte ich noch. Und:„Wie lange der jetzt wohl da drin hocken muss? Aber ist ein gutes Versteck, muss ich mir merken…“ Schließlich weiß man ja nie. Vielleicht muss ich mich eines Tages mal  wegen einer horrenden Steuerforderung vorm Gerichtsvollzieher verstecken.

Und als ich meine Einkäufe die Treppe hoch gewuppt hatte und in meine Wohnung kam, schaffte ich es sogar, beinahe nicht über die im Flur liegende Jeansjacke zu stolpern.
So hatte ich schon mittags das gute Gefühl, eigentlich für heute alles prima hingekriegt zu haben und legte mich für den Rest des Tages mit einem Buch aufs Sofa. Vorsichtshalber.