Schichtdienst

Boh, Leute… Ich renovier‘ und renovier‘ und renovier‘! Abends, wenn ich nach Hause komme, brauch‘ ich nicht mal mehr was zu Essen, weil ich wieder pfundweise Staub geschluckt habe. Naja, ist auch sättigend, aber immerhin kalorienarm. Wenn ich das richtig überblicke, geht das noch ca. zwei Wochen so weiter, bis die kleine Freundes-
Familie da endlich einziehen kann. Es tauchte nämlich bisher fast jeden Tag eine neue Überraschung auf.

Ein schönes Beispiel dafür sind die Türrahmen: oberste Schicht Binderfarbe, darunter teil-
weise Tapete(?!), darunter auch schomma ’ne Schicht Lack, dann Klebefolie in dunklem Holzdekor, die sich nach Jahrzehnten des dort Gemütlichmachens nur sehr ungern lösen möchte und außerdem einen fiesen Klebefilm hinterlässt, darunter zwei Schichten (wei-
ßen und cremefarbenen) Lack, – und darunter schließlich: Dunkles Holz!

Also, ich hab‘ ja nun auch schon einiges gesehen, aber: Au Mann!

Bauchi

Zu Ostern habe ich ein paar schöne Sachen bekommen: Von Freundin S. ein hübsches Notizbuch, eine leckere Tafel Schokolade, ein kleines Osterkörbchen und ein halbes Brot. Das halbe Brot fand ich jetzt ehrlich gesagt nicht so besonders österlich, aber sie hatte es selbst gebacken und darum war’s selbstverständlich total lecker, Ostern hin oder her.

Vom lieben Grund und Ziel meiner Verreisung bekam ich ein dickes, mit feinen Trüffel-
pralinen gefülltes belgisches Osterei, dazu zwei hühnereigroße Nougatkrokanteier und außerdem noch ein Überraschungsdings in Eiform.

Ich hatte, und das weiß er, weil ich’s ihm nämlich erzählt habe, vor Jahren mal eine aus-
führliche Überraschungsei-Phase, in der ich die Dinger so oft wie möglich gepellt und verbastelt habe. Allerdings habe ich nie gesammelt, ich mochte die einfach so. In letzter Zeit habe ich mir manchmal wieder welche gekauft, war aber jedes Mal ein bisschen enttäuscht, weil ich finde, die Überraschungen sind inzwischen gar nicht mehr so lustig und schön. Zum Beispiel hatte ich neulich so ein merkwürdiges Viech, das ich aus drei Teilen zusammenstecken musste, und dann wusste ich nicht, wozu es gut sein sollte. Es war ein rauer, gummiartiger Punkt drunter geklebt. Das Lesen des Nebenwirkungszettel-
chens in ca. 465 Sprachen brachte mich nicht richtig weiter und die Zeichnung mit dem Anwendungsbeispiel musste ich stundenlang begucken, bis der Groschen endlich fiel. Und ich behaupte mal, das lag nicht allzu sehr an mir, denn ich bin eigentlich ziemlich gut darin, Bedienungsanleitungen nachzuvollziehen.

Es stellte sich jedenfalls heraus, dass man das Viech auf Leute werfen sollte, an deren Klamotten es dann angeblich haften bleibt. Der Gummipunkt war nämlich so was wie eine Klettfläche. Aha. Dass es nicht besonders haftete, muss ich wohl nicht dazu sagen. Ich kann ja schlecht Jemanden bitten, extra einen Wollpullover anzuziehen, mit der Begrün-
dung: „Ich will Dich dann gleich mit Viechern bewerfen!“ Mein Riesenglück bescherte mir nämlich ein paar Tage später gleich noch eins von den Dingern. Da habe ich mich so gefreut, dass ich sie direkt als Paar weggeschmissen habe.

Und was war nun in dem Ei, dass ich am Sonntag bekam?

Bauchi_1

– Ein Wicht namens Bauchi, der beim ersten Anschein eine merkwürdige, von Kinderspiel-
zeug weit entfernte Assoziation in mir auslöste. Vielleicht lag das ja an der fleischigen Farbe. Außerdem beginnt seine Beschreibung mit: „Nur er kennt die geheimen Stellen im Wald, (…)“ Soso.

mit_bauchi_gemaltEs handelt sich aber doch nur um einen verfressenen Wachsmalzwerg. Er „hinterlässt eine Wachsmalfarben-
spur und kann auf Papier und Karton sehr gut zeichnen und ausmalen.“. Naja, und wenn man dann mit Bauchi „malt“, sieht das (aber nur, wenn man richtig fest auf-
drückt!) so aus.

Das nenne ich mal oberflächenfreundlich! Damit kann so’n Kleinmensch sogar an der Wand rummalen, ohne dass die Eltern motzen.

Aus dem Hinterkopf wachsen dem armen Bauchi zwei ulkige Schnorchel, das sieht ein bisschen sehr krankenhausig aus. Die sind aber wohl dazu da, ihn mit seinen Kumpels zusammenzustecken, damit man sich einen Regenbo-
gen malen kann. Ich habe jetzt allerdings gerade vergessen, wo im Regenbogen noch mal wurstfarben vorkam.

 Bauchi_2

Und weil mich das jetzt interessierte, was es mit diesen befremdlichen, äh, Stiften auf sich hat, habe ich eben mal die Webseite besucht, auf der diese Zwerge wohnen. Und siehe da: Es bietet sich mit den 10 von irgendeinem irgendwohin verschobenen Gehirn ausgedachten Bewohnern ein getreues Abbild der Gesellschaft. Zumindest einer Gesell-
schaft, wie man sie sich bei Ferröhrö vielleicht so vorstellt und den Kindern vermitteln möchte. Ich bin ja eigentlich öfter mal froh, dass ich nicht mehr 16 bin, weil ich dann immerzu Alcopops trinken, mir empfindliche Stellen piercen lassen müsste und dazu Herrn Bohlen auf Deubel komm raus anschreien müsste (obwohl das…, – ach egal jetzt). Ein Kind zu sein scheint mir jedenfalls heutzutage auch nicht so richtig erstrebenswert.

Mehr kann ich im Moment eigentlich nicht dazu sagen. Bittesehr, Bauchis Kumpels:

Basilikum

Belisar

Begonie

Billo

BrasilBreakerBrilli

BrontoVolto

 Es fehlen:

Blödi, der von der Stütze lebt, schon morgens Bier trinkt und dann im besoffenen Zustand dauernd mit der Stirn aus Versehen gegen die Bäume dotzt, wenn er nicht gerade dagegenpullert.

– Und Bossi, den man natürlich nie sieht, der aber alle anderen für ein Taschengeld in den Wald schickt, zum Kräuter sammeln. Und die verkauft er dann für Mondpreise an der Börse.

Ostern in südwestlicher Richtung

Ehrlich gesagt, ist mir gerade gar nicht so nach Schreiben, weil mein Kopf ganz voll ist mit noch ungedachtem, aber eigentlich dringend mal gründlich zu denkendem Zeug. Das rümpelt mir das Oberstübchen ein bisschen voll und ich hab‘ dieser Tage zu wenig Zeit, da mal ordnend zu Stapeln. Und Ostern ist ja nun auch schon wieder eine Woche her, aber ich wollte trotzdem eben noch ein bisschen von meiner Reise erzählen. Das kann ich ei-
gentlich auch ruhig noch machen, weil ja gar nicht so viel mit Ostern drin vorkommt. Und die Vorgeschichte mit dem missglückten Fahrkartenkauf hatten wir ja sogar schon… 

Ich fahre ganz gern mit der Bahn, auch vor dem Umsteigen habe ich inzwischen keinen Bammel mehr. Wenn die Züge so halbwegs pünktlich sind, ist das ja auch gar nicht so schwer und verwirrend, wie man sich das vorher immer ausmalt. Als ich diesmal in Han-
nover am Bahnsteig stand und auf meinen Zug wartete, stand eine Frau in meiner Nähe, die mit weit aufgerissenen Augen und Hilfe suchend um sich blickte. Als sie merkte, dass ich in ihre Richtung schaute, sprach sie mich an: Ob sie denn hier richtig sei, sie wolle da und da hin… Der Zug würde doch unterwegs geteilt, und sie habe Angst, aus Versehen in das falsche Ende einzusteigen. Die Lautsprecherdurchsagen dazu würden sie eher verwir-
ren. Genauso ging es mir auch vor nicht allzu vielen Monaten, aber weil ich inzwischen schon gelassener bin, konnte ich sie beruhigen, sie stehe hier ganz prima und goldrichtig und ihr Waggon 11 würde auch hier ungefähr zum Stehen kommen und so weiter. Danach sah ich sie nicht mehr, denn ich musste zwei Wagen davor einsteigen, aber bestimmt ist sie gut angekommen und vielleicht beim nächsten Mal auch schon etwas weniger nervös.

Zug

Mir wird ja immer wieder nahe gelegt, während der Fahrt doch aus dem Fenster zu schau-
en, aber das tue ich eher selten, höchstens vor und nach Bahnhöfen. Ich mag diese olle, schruddelige Atmosphäre um Bahnhöfe herum, das ganze rostige Zeug, das da oft so vergessen im Gestrüpp herumliegt. Natürlich schau ich mir manchmal auch die Land-
schaft an, aber dabei denke ich an ganz andere Sachen, deshalb vergesse ich das, was ich sehe, gleich wieder. Meistens lese ich oder begucke meine Umgebung im Waggon, die Mitreisenden, höre heimlich ihren Gesprächen zu, ab und an mache ich mir Notizen.

RaucherfleckenDiesmal habe ich mich zum Beispiel gefragt, wie ungeschickt man sich als Raucher eigent-
lich anstellen muss, damit der Sitz hinterher so aussieht. Und wie ich wohl reagieren wür-
de, wenn vielleicht plötzlich jemand neben mir (womöglich an mehreren Stellen gleichzeitig) anfangen würde, zu brennen. Nur weil er zu doof zum Schmeuken ist. Wahrscheinlich würde ich ihn spontan mit knallheißem Tee aus meiner kleinen Thermoskanne löschen. Und das würde uns beiden wohl nicht gefallen, denn ich hätte danach schon mal nix mehr zum Trinken. Allein deshalb bin ich auch ganz froh, dass das Rauchen in den Zügen jetzt nicht mehr erlaubt ist.

Meine Güte, das hier ist ja jetzt schon ein halber Roman, dabei ist meine Erzählung doch noch nicht mal am Zielort der Reise angekommen! So geht das aber nicht. Deshalb behal-
te ich jetzt frech das freudige Ankommen und sogar auch den Rest des verschnäbelten Ankommenssamstags für mich.

Am Sonntag also, nach dem Osterfrühstück, bekam ich ordentlich viel eiförmige, leckere Schokolade geschenkt. Angeblich von einem Hasen, in Wirklichkeit aber wohl von einer Zimmerpflanze. Ich kann mich natürlich täuschen, aber die Fakten sprechen alle dafür. Und weil nun Ostern war, und man zu Ostern traditionell spazieren geht, ging es dann an eine Bushaltestelle, dann in einen Bus, und mit dem Bus ein Stückchen raus aus der Stadt, und dann sogar raus aus dem Bus.

Und da standen wir. In einem ruhigen Wohnviertel vor einem kleinen Berg. Aber das war ganz richtig so, denn auf diesen Berg wollten wir ja rauf, weil dort ein spezieller Punkt liegt. Es war kalt, aber die Sonne schien schön, und durch einen besonderen Umstand ging ich nicht nur bergan, also so wie mein gastgebender Begleiter und alle anderen hier, sondern auch gleichzeitig (oder vielleicht zusätzlich?) seitlich an einem kleinen, unsicht-
baren, quasi selbstverschuldeten, Berghang entlang.

Ich hatte nämlich am Samstag in der Losreiseeile nur eine meiner Schuh-Einlagen in die Stiefel getan, und zwar die linke. Immerhin aber schon mal passend in den linken Stiefel… Dabei hatte ich hier doch neulich gerade noch über meine Schuheinlagen geschrieben, darüber, dass ich die manchmal ganz schön kompliziert finde. Jedenfalls war ich noch ein bisschen schräger als sonst unterwegs, konnte mich aber zum Glück bequem bei mei-
nem lieben Gefährten einhaken, und brauchte so wenigstens keine Angst zu haben, vielleicht in einer scharfen Kurve plötzlich umzufallen oder sowas.

topografische_KarteIm Spazieren kamen wir an einer Landkarte vorbei, die ich zunächst für topografisch hielt, bei näherem Hinsehen stellte sich aber her-
aus, dass wohl bloß der olle Kartenherbergs-
kasten nicht ganz dicht war. Eventuell war es auch ein Vorschlag, wie man die Landschaft in Kürze gestalten könnte. Hier was weg und da was hin…

Vielleicht handelte es sich aber auch um eine neue Art von Seersucker-Karte. Könnte ja sein. Kochwäsche und bügelfrei.

Oben auf dem Berg angekommen, setzten wir uns in die Sonne und beguckten uns die ganzen Touristen, die da hin- und herliefen, uns zurückbeguckten und sich aufgeregt ge-
genseitig fotografierten. Niederländer, Belgier, Deutsche. Wir waren nämlich am Dreilän-
derpunkt, wo sich eben diese drei Länder treffen. Und auch alle Hundehalter der Gegend. Den Hunden war diese ganze Länderei bestimmt schnuppe, die markierten sich sicherlich sowieso alle paar Meter gegenseitig über.

gut_sitzende_klamotten_im_sIm Souvenirshop der Niederländer gab es den Postkarten- und  Schlüsselan-
hängertinnef, den es immer überall gibt. Man müsste vielleicht mal eine Sammlung aufmachen mit Schlüssel-
anhängern, die alle gleich aussehen, aber dann eben regionale Aufdrucke haben.

Wozu braucht mein Schlüsselbund denn so ein Gebimsel, auf dem mei-
netwegen sagenwirmal „Nederlands“ draufsteht? Ich wohn‘ da doch gar nicht! Und wenn ich den Schlüssel dann mal verliere, kann ich noch nicht mal darauf hoffen, dass im richtigen Land nach der Besitzerin gesucht wird.

Das bleibt also unklar.

Gelernt habe ich aber doch was in dem Laden: Dass es unheimlich wichtig ist, dass die Klamotten gut sitzen, – auch im Stehen.

Bei den Belgiern drüben (ca. 100m weiter) wollte ich dann was Süßes und bestellte im Cafè eine Appeltart mit Sahne und eine Schokomilch. Mein Begleiter bestellte ebenfalls Appeltart. Als unsere Tarts kamen, war aber keine Sahne drauf. Wahrscheinlich, weil die auch nicht mehr auf die kleinen Untertassen gepasst hätte. Dafür war die Gabel so fest in den Kuchen gerammt, dass ich sie mit beiden Händen herausziehen musste. Die Tart wäre also was für ollen Artus gewesen, s
chmeckte mir aber gut.

appeltart

Dem Begleiter hingegen fiel plötzlich ein, dass er eigentlich und sowieso vielviel lieber Pommes gehabt hätte und er guckte immer zum Nebentisch rüber, wo ein stilles Pärchen vor zwei riesigen Tellern mit Pommes saß. Das Mädchen nagte ein bisschen lustlos an ihrer Portion herum und ließ dann fast alles stehen. Ich musste an Freundin T. denken, die jetzt vielleicht eventuell gefragt hätte: „Isst Du das gar nicht mehr?!?“, aber so  was würde mein überaus wohlerzogener Begleiter natürlich niemals tun.

Also saßen wir da, schauten aus dem Fenster und lauschten der Musik. Schon komisch, da sitzt man genau zwischen Belgien, Niederlanden und Deutschland, und was läuft für Musik? Zucchero! Italienischer Schlimmpop. Den mag ich schon nicht, wenn ich nur in einem Land bin. Ich versuchte aber, mich zu freuen, dass es wenigstens nicht der andere war, dieser Polypenmann. Der, der angeblich so sexy sein soll. Vielleicht ist er das immer nur, wenn ich grade nicht hingucke. Die Stimme von dem mag ich jedenfalls noch viel we-
niger. So gesehen, hatten wir natürlich richtig Glück.

Laternenmutter

 

 

 

 

 

 

In diesem Wissen, zudem angenehm müde, doch weiterhin gut gelaunt, wanderten wir irgendwann zurück zur Bushaltestelle, wo es dann doch noch ein kleines bisschen religiös wurde, denn wir trafen dort noch Maria, die ganz versonnen in Richtung einer dreifaltigen Laterne blickte, die sie und das Jesukind wahrscheinlich an jedem Abend auf’s Neue erleuchtet…

Q10

Mensch, ich komm’ ja zu nix mehr. Andauernd Renovieren und dazwischen Verreisen, und hier stauen sich schon die Geschichten… Gestern ist mir schon wieder eine Leiter an die Beine gewachsen und erst abends um acht wieder abgefallen.

Das Letzte, was ich von gestern Abend noch weiß, ist, dass ich vor dem Fernseher lag und dann sagte eine Stimme: „Was ist noch besser als Q10?“

Wie??? Watt?!? Quiz? – Entschuldigung, ich war nur kurz ein bisschen eingenickt…
Ich sah eine Frau, die sich zart über die Wangen strich und mich dann aufmunternd anschaute. Was hat die denn? Und da kam auch schon die Antwort: Doppeltes Q10!“

Ja, dann ist das doch Q20, oder wie? – Was soll denn das?
Ich mecker‘ also in Richtung der Kiste: “Und wie wäre es mit Q10 hoch meinetwegen 378?!? Oder sprengt das dann deinen Tiegel?“ Aber das Streichelfrollein ignoriert mich freundlich und beguckt sich mit schmelzendem Blick im Spiegel.

Irgendwer sagt noch: “Denn Schönheit ist ein Versprechen…!“

Ach ja? Kommt die Schönheit vielleicht rein und sagt: „Wenn Du lieb weiter renovierst, gehen wir am Sonntag fein in den Zoo und da kriegst Du dann ein dickes Eis!“, oder wie?
Oder hat sich da eventuell jemand versprochen und es heißt eigentlich „Dröhnheit“…?

Gute Karten, schlechte Karten

Wenn ich über Ostern verreise, dann geht das so: Ich laufe schon Tage vorher zum Bahn-
hof, mit der Befürchtung, dass die Schlange vor den Kartenschaltern bestimmt irre lang sein wird. Und tatsächlich: sie ist irre lang. Und anscheinend ist sie tot, denn sie bewegt sich nicht. Andererseits kann man das gerade bei Schlangen nie so genau wissen. Als ich eine halbe Stunde gewartet habe, weiß ich, die Patientin lebt zwar doch, aber sie ist schwach. Gerade mal vier Kunden hat sie ausgespuckt, dabei sind alle 10 Schalter geöffnet. Soll ich vielleicht…?

Also traue ich mich zum ersten Mal an einen Automaten. Hoch konzentriert (jetzt bloß nix verkehrt machen!) drücke ich mich durch das Menü. Plötzlich komme ich nicht weiter. Irgendwas muss ich doch falsch gemacht haben. Aber zum Glück stehen hier einige jun-
ge Leute in roten T-Shirts herum, die den Automatendoofen helfen sollen. Ich frage eine junge Frau, die garantiert nicht mal halb so alt ist wie ich und wohl keine Lust hatte, ihr Taschengeld in den Ferien durch Babysitten oder im Callcenter aufzubessern. Das hat sie jetzt davon. Sie besieht sich mein Problem für mindestens eine Zehntelsekunde, drückt frech auf „Abbruch“ und fragt mich dann patzig: „Wo wollense denn hin?!“ Ich schaue lieb, antworte brav und hoffe, ich muss nicht auch noch ein Gedicht aufsagen, denn ich bin to-
tal geschafft vom Renovieren und mir fällt jetzt bestimmt gerade keins ein. Sie will aber zum Glück kein Gedicht, sondern tippt meinen Zielort neu ein und lässt mich dann mit einem „Das müssen sie jetzt alles noch mal neu machen!“ stehen. Ich überlege, aber nur kurz, ob ich das jetzt vielleicht auch in ein Hausaufgabenheft eintragen muss.

Also mache ich noch mal neu und wohl gar nicht so verkehrt, und freue mich, als der Au-
tomat tatsächlich handliche Tickets und Reservierungen auswirft. Mit Dauersparpreis und allem! Und viel billiger als am Schalter!

Glücklich fahre ich nach Hause und greife sofort zum Telefon, um die Bahnautomaten und mich zu preisen: „Toll! Und richtig gespart! Ich bin ganz stolz auf mich. Das mache ich jetzt immer so.“ usw., usw…

Das war Dienstag. Am Samstag wollte ich ja fahren. Und am Freitag schaue ich noch mal ganz verliebt auf die Tickets und da steht plötzlich: 29.3. und 2.4. Klar, von Samstag bis Mittwoch. Aber irgendwas ist doch trotzdem falsch. Und dann ruckt es mir durch’s Hirn: Verdammt, Du hast das falsche Wochenende gebucht!!! Deswegen war das auch so günstig zu kriegen. Kein Mensch will an diesem Wochenende reisen. Mistmistmist! 

Und, auch klar: Als ich nun, drei Tage später, wieder zum Bahnhof komme, ist die kranke Schlange immer noch da. Und ich muss 15,- Euro Strafe zahlen für’s Umbuchen. Und ich bekomme keine billigen Tickets mehr. Und ich bezahle einen saftigen Preis für die neuen Tickets. Und das, liebe Kinder, nennt man Lehrgeld.

Zum Glück war die Hinfahrt dann aber wenigstens recht bequem, das Umsteigen klappte auf Anhieb, die Ankunft war vergnüglich, der Aufenthalt schön und abwechlungsreich (darüber erzähle ich später mehr) und auch die Rückfahrt war eigentlich, wie sie sein soll. Nur, dass es ab Dortmund im ganzen Wagen durchdringend nach Kloseife roch und der Schaffner uns mit seinem vergnügten, aber viel zu laut durchgesagten: „Guuuten Tach!“ erschreckte. Aber es gibt ja nun wirklich Schlimmeres.

Und das schöne Geld hätte ich ja doch bloß wieder nur für Süßigkeiten, schöne Männer und modischen Schnickschnack ausgegeben…

In den Seitengassen des Trubels

Armer_Hase

Dieser kleine Hase wird dieser Tage leider nicht gefeiert. Eigentlich auch andere Hasen kaum, denn die meisten von denen, die man jetzt so zu sehen bekommt, sind eigentlich Kaninchen. Dieser übrigens auch. Und er ist vielleicht ein wenig betrübt, dass seine Schokokollegen mit bunter Folie und nichtsnutzigen Glöckchen (die man irgendwie nie wegschmeißen möchte, deshalb hängen sie einem noch monatelang im Weg rum) heraus geputzt werden. Man schiebt ihnen leckere Schokoeier unter und bettet sie gemütlich in Körbchen. Die lebendigen Geschwisterchen werden fleißig in Kameras gehalten, kriegen Schleifchen um, und kommen so wenigstens kurzfristig mal aus den Tierheimen raus. Nach zwei Wochen müssen ja sie leider wieder zurück, aber immerhin: Zwei Wochen all-inclusive mit behätschelt und betätschelt werden; – dafür müssen andere lange mümmeln. 

Ihre Gesichter werden wie Popstarfotos sogar auf Gebäckteilchen gemalt (ich weiß das, denn ich musste vorgestern im Zug einen Amerikaner mit einem wie auf Extasy grinsen-
den Hasengesicht drauf essen, das war mir doch irgendwie peinlich), und flauschige Junghühner stehen ihnen überall zur freien Verfügung.

Das alles kriegt unser Häschen nicht. Es hockt jahrein, jahraus in einer kleinen Bäckerei in einer dunklen Ecke und wird nur kurz beachtet, wenn jemand Zigarettenschmacht hat. Er muss dafür aber dauergewellten Hausfrauen beim Plattenkuchenkauf, unrasierten Spät-
aufstehern beim Holen von Joggerbrötchen und beparkaten Männern beim Kaffeetrinken zusehen. Er wird nicht nur nicht geschmückt, sondern muss sich sehr anstrengen, den Kopf immer von der hässlichen und gar nicht meisterlichen Lampe weg zu drehen, und hat zudem sogar unbequemerweise den Arsch ab. Eigentlich kein Wunder, dass er da ein bisschen unzufrieden guckt, oder? Armes Häschen.

Telekommt Donnerstag

Eigentlich sollte das ein vergnüglicher Abend werden, gestern. Aber als ich noch mal schnell ins Blog wollte, bevor Freundin S. mit den Getränken einbummelt, stellte ich fest, dass mein Internet tot ist und mein Telefon auch. Forschende Anrufe ergaben, dass das langhaarige Flatrate-Frollein keine Schuld trifft, sondern die gute alte Tante Teledings an meiner Leitung herumgeruckelt hat. Und zurückruckeln sei erst morgen, am Samstag möglich. Von wegen! Ist es nämlich nicht, weil ich da dann weggefahren sein werde…
Und wenn ich das nicht persönlich beaufsichtigen kann, ruckelt niemand an meinen Sachen herum! So weit kommt’s noch.

Also wird die Leitung erst nächste Woche Donnerstag untersucht und hoffentlich auch gleich durchgepustet. Freundin S. hat mich beim Telefonieren übrigens tatkräftig unter-
stützt, in dem sie jedes Mal, wenn ich zur Weiterleitung in der Service-Hotline ein Wort besonders deutlich sagen musste, mit den Bierflaschen in Kühlschrank herumgeklötert hat. Und dann sagte die automatische Servicemamsell: „Hm. Ich habe sie leider nicht verstanden. Wiederholen sie bitte.“ Ich erwarte von einem Apparat sowieso kein Verständ-
nis, denn das setzt ja Verstand voraus. Aber ich möchte auch irgendwie nicht, dass er „Hm.“ zu mir sagt. Da bin ich eigen, sowas irritiert mich. Später hatte ich dann eine patzige Schwäbin dran, die verstand mich eben sowenig. Wahrscheinlich aus den selben Gründen. Donnerstag jedenfalls kommt der Techniker, bis dahin kann ich ja eventuell von unterwegs bloggen. Jetzt sitze ich glücklicherweise gerade beim lieben Freund M. am Rechner. – Danke, M.

Trotzdem wurde es gestern noch ein toller Abend, denn S. und ich schauten, so wie wir uns das vorgenommen hatten, Germanysnexttopmodel und regten uns so richtig schön über diesen Viehmarkt auf. Als erstes fiel mir auf, dass Frau Klum in ihrer schmalen Hose sehr dünne Beine hatte, und spekulierten, ob das vielleicht ein neues Vakuumhosenmo-
dell sei. Und ob man das nicht eventuell mal mit Bratschläuchen in der eigenen Küche ausprobieren sollte, – oder doch lieber nicht.

Eins der ausgestellten Mädchen erklärte ernst, dass sie von Klamotten und ihrem Kauf eher wenig Ahnung hätte. Sie sprach: „Ich kaufe lieber Pferde ein, die halt etwas teurer sind. Davon hat man dann aber auch länger was.“
Finde ich ja auch, aber sie sind schwerer zu tragen, oder?

Später wurde dann noch „das Gesicht für den TV-Spot ‚Schuhe‘gesucht, und ein anderes Mädchen berichtete aufgeregt, sie habe ein „breites, langes Kleid“ angehabt. Genau. Das ist es, wonach ich auch immer noch suche, leider vergebens. Vielleicht könnte ein Kleiderhersteller sich das mal zu Herzen nehmen: Wir wollen breite Kleider, bittesehr. Und tief. Tief sollen sie auch sein. Ginge das?

Der Rest des Abends führte dann noch mit immer unverständlicherem, aber höchst vergnüglichem Durcheinandergerede in die Nacht…