Was gestern schön war. (3)

– Um fünf Uhr ausgeschlafen noch vor dem Weckerklingeln aufzustehen und in der mor- gendlichen Stille Tee am offenen Fenster zu trinken. (Danke, Roger!)

– Aus’m Lagerverkauf eine schöne Tüte leckerer Schnäppchen rauszuschleppen (u.a. Pro- fiteroles in Schokosauce, leckeren Ofenkäse, einen niedlichen kleinen Käse aus dem Perigord, der in Walnusslikör gebadet hat, und Norwegischen Gudbrandsdalen/Karamell- käse).

– Eine lose Verabredung auf ein gepflegtes „Mädchenbier“ mit Freundin S. für nächste Woche.

– Zu sehen, wie schön immerhin 2 der Brutblätter, die mir der gute Jenne bei der Abreise noch schnell in die Hand gedrückt hat, inzwischen angegangen sind.

– Freitagfeierabend!!!

Was gestern schön war (2)

– Das lauteste Knacken seit bestimmt Monaten beim Einrenken meines ständig herum- vagabundierenden Lendenwirbels.

– Der Duft von Lavendel durchs offene Bürofenster.

– Das mal in Ruhe Weggearbeitethaben eines ziemlichen Papierstapels auf meinem Schreibtisch. (Kollegin hatte frei.)

– Das hübsche, sehr eifrige, entenflossige Patschegeräusch, das eine angerufene Semi- narteilnehmerin übers Telefon schickte, als sie loslief, um ihren Chef zu suchen. (Flipflops? Taucherflossen? Wirklich eine Ente? Riesige Füße? Oder einfach eine riesige Ente in Flipflops?)

– Bandnudeln mit selbstgemachtem Rucola-Kürbiskern-Pesto, während die Kochsen- dungsprotagonisten im Fernseher versuchen, eine überbackene Pampe ohne unhöfliche Gesichtsentgleisung zu überstehen.

– Um neun ins Bett gehen und über Roger Willemsen einschlafen.

Was gestern schön war. (1)

– Auf dem Bahnsteig noch 10 Minuten das Gesicht in die Morgensonne zu halten.

– Der Entschluss, die Dinge, die mich „aufladen“, mal aufzuschreiben.

– Am Telefon:
(Ich rufe an, um eine Reservierung zu bestätigen. Am Apparat ein Kind.)

„Könnte ich bitte Klaus P. sprechen?“

„Der ist nur abends da! Nur abends. Nur abends.“

„O.K. Danke. Dann rufe ich später noch mal an.“

„Nur abends. Nur abends. Nur abends. Nur abends. Nur…“

„Alles klar. Danke. Tschühüss!“

„Nur abends. Nur abends. Nur abendsnurabendsnurabendsnurabends...“

– Das Rumwitzeln im Büro mit Aushilfe G. und der Praktikantin S.

– Auf dem Heimweg ein Auto zu sehen, auf dem nicht nur „Wurstdesign“ sondern tatsächlich auch noch „Fleischerei F. – Unsere Wurst sprengt jeden Rahmen!“ draufsteht.

Träum‘ süß.

Interessanter Traum heute Nacht.

Am Telefon sagt jemand eindringlich zu mir: „Du darfst so nicht weitermachen! Bitte nicht! Du gehst ja ein!“ Zum Glück bin ich danach aufgewacht und kam nicht mehr in die Gefahr, weiterzuträumen, denn die Nacht war vorbei. Um halb vier im Bett zu liegen mit Gedan- kenrasen, Herzpoltern, Nervenbrennen ist schlichtweg gesagt: nicht schön. Vor allem nicht in dem Wissen, als nächstes drei besonders harte Arbeitstage vor sich zu haben.

Natürlich hat der Anrufer Recht. Der schickt mir schon seit Wochen Botschaften, so Zettelchen mit Bildern und Erinnerungen drauf. Er lässt mich auch am späten Abend plötzlich putzmunter sein, wenn im Fernseher Filme kommen, die mich daran erinnern, dass es nicht nur das Angepasste, Regulierte, Ausdiskutierte, in Bahnen Gelenkte gibt. Sondern auch noch das Wilde, Leidenschaftliche, Ungedämpfte. Er lässt bei der Arbeit Gäste auftauchen, die aus dem Kaff kommen, in dem ich vor langer Zeit meine traurigsten und hoffnungslosesten Jahre verbracht habe. Beim Namedropping, gut gemeint, wird mir ganz schlecht.

Er gibt mir das Gefühl, als würde meine Hülle immer enger, was allerdings wirklich sein kann, denn ich habe im letzten halben Jahr 5 Kilo zugenommen. Ich weiß nur nicht, ob’s vom Sedierungsfressen kommt oder von den Pillen, die ich nehmen muss, damit sich meine Haut nicht nach zwei Tagen anfühlt wie ein Ameisenhaufen.

Er lässt mich Musik hören, die mir den Keller aufmacht, während ich zwischen wippenden Sparkassenfilialleitern und Verwaltungsangestellten schlimmes Bier trinke, statt mir beim Fährmannsfest Grasflecken zu holen.

Ich hab‘ hier mal, vor über zwei Jahren, irgendwo hingeschrieben, mir wär‘ manchmal nach „mit zwei Flaschen Rotwein unterm Arm schreiend durch den Wald rennen.“

Da isses wieder.

Keinen Euro.

In der Bahn, auf dem Heimweg von der Arbeit in die Stadt.

Neben mir ein junger Mann, vielleicht vier Jahre alt. (Ich bin bei Männern im Alterschätzen nicht sonderlich gut, bei Frauen allerdings sogar regelrecht schlecht). Ihm gegenüber sitzt offenbar sein Wochenend-Papa. (Das merkt man sofort man an der onkelhaft-bemühten Art, sich mit dem Kind zu unterhalten). Der Vater also irgendwann: „Dann fahren wir jetzt also auch mal zusammen einkaufen. Hast Du denn auch Geld mitgenommen, einen Euro vielleicht oder so?“ (Hört sich für mich an, als wolle er seinen Sohn irgendwie anpumpen.) Das Kind: „Nein…“ (Ich überlege schon mal, wo mein Portemonnaie steckt, denn als nächstes werden vermutlich beide mich anpumpen!) Der Vater tut empört: „Dann kannst Du ja überhaupt nichts für Max kaufen!“ Ich hab natürlich keine Ahnung, wer jetzt Max ist, aber der Lütte überlegt ernst und sagt dann entschlossen: „Dann kaufe ich dem Max was, was keinen Euro kostet!“

Im Gegensatz zu seinem Vater finde ich diesen Plan nicht nur prima, sondern überlege gleich, mir das demnächst auch mal vorzunehmen und lächle dem Jungen freundlich zu.

Der erklärt jetzt, wie breit das imaginäre Geschenk sein soll: es ragt vom Fenster bis mitten auf meinen Schoß. Längere Arme stehen leider nicht zur Verfügung. Der Vater versucht etwas verlegen, seinen Sohn davon abzuhalten, in meinen Luftraum einzudringen, aber mein neuer Freund und ich lassen uns gar nicht stören. Keine Ahnung, woran das liegt, und es tut mir ja auch sogar irgendwie leid, aber Männer in Bundfaltenhosen kann ich sowieso nicht ernst nehmen. Ich glaube, das liegt daran, dass diese Hosen so einen runden Popo machen, den ich bei Männern einfach albern finde. Ich sage also, quasi am Vater vorbei, zu dem Kleinen: „Und vielleicht sooo hoch!?“ und zeige mit der flachen Hand eine Stelle ungefähr einen Meter über seinem Kopf. „Ja, so hoch.“ nickt er begeistert, „und sooo tief!“ Dabei zeigt er einen riesigen Bierbauch, den er sich aber mal lieber erst in frühestens 20 Jahren anschaffen sollte. Und Max auch. Im Übrigen staune ich, dass so ein noch relativ kleines Kind schon Ahnung hat von Breite, Höhe, Tiefe. Wenn er so wei- termacht, kann er bald ein 1A Regalbauer werden. Tiefe Regale werden schließlich immer gebraucht.

„Und mit ’ner Schleife?“

„Ja, eine ganz bunte. Und eine richtig große Karte!“

„Finde ich super. Prima Plan, einverstanden!“ Ich gebe ihm die Hand drauf,  wünsche viel Spaß beim Einkaufen und stehe auf, weil ich hier raus muss.

Also lieber Max:
Wenn Du das hier zufällig liest, dann klär uns doch mal bitte auf…
– Was gab’s denn nun???

Was vom Urlaub übrig blieb.

Ich mein‘, ich habs ja nun wirklich gut.
Da ich es aufgrund meiner unberühmten Finanzen ohnehin nicht bis Alicante geschafft habe, wurde mir dort auch kein Dienstwagen gemopst (wofür ich mich also auch nicht schämen muss), und das Beste: ich musste auch nicht den ganzen Tag Ulla heißen.

Ich hab‘ es drei Wochen lang hingekriegt, nicht gerade dann draußen zu sein, wenns stürmte oder hagelte. Und ich hatte sogar Zeit, über Hagelkorngrößen-Kategorien nach- zudenken. Es gibt nämlich folgende Größen: Erbsengroß, Taubeneigroß, Golfballgroß, Tennisballgroß. (Zwischen Golfball und Tennisball scheints wohl keine Ballgröße mehr zu geben, hoffentlich hält der Hagel sich dran.) Bei den Taubeneiern werd‘ ich übrigens immer stutzig, – wer weiß denn schon wirklich, wie groß so ein Taubenei ist? Und sind die etwa gleichmäßig rund? Warum sollte denn ausgerechnet die Taube Eier legen, die nicht aus dem Nest kullern? Ich mein‘, Tauben sind ja nicht besonders schlau, aber so doof sind die doch auch nicht! Oder verwendet man diesen Vergleich nur bei besonders unegalem Hagel? Wer über sowas nachdenken kann, hat Urlaub.

Was noch?
Ich habe Fenster geputzt, die aber schon wieder fleckig sind, mit Freundin T. lecker indisch gegessen, Gardinen gewaschen (und sogar gebügelt), einen Kleiderschrank ruiniert, Bilder aufgehängt, Blumenkästen bepflanzt, fast täglich kilometerlange e-mails mit einer ganz bestimmten Marburgerin geschrieben, mit dem lieben Jules am Steinhuder Meer ein freundliches Rotkehlchen und eine dösige Schwanenfamilie kennengelernt, zwei Päckchen verschickt, ungefähr 14 Tüten mit Schoko gefüllte Toffee-Eclairs geleert und sehr, sehr, sehr viel geschlafen. (Wahrscheinlich, um die ganzen leeren Tüten nicht sehen zu müssen.)

Und natürlich habe ich nicht das geschafft, was ich eigentlich alles machen wollte, so wie jeder, der seinen Urlaub zuhause verbringt. Sei’s drum. Morgen gehts also wieder los.

Was man alles so hört.

Hier in meinem Viertel heißen ja viele Mütter Anne, das weiß ich ziemlich genau, weil meinem Haus gegenüber ein Spielplatz angebracht ist, von dem aus die kleinen Racker ihre Mütter ans Fenster rufen, damit die dann mal ein bisschen Geld für Eis runterschmei- ßen oder einfach bloß mal gucken, weil Lukas dem Mehmet gerade die Kekse wegfrisst.

Dieser Spielplatz ist offenbar so schön, dass die Kinder gleich dableiben, bis sie ungefähr 25 sind und nächtens um dreie Bier trinken, sich Witzigkeiten zubrüllen, gegen die Klet- tersachen treten und sich gegenseitig „voll bescheuerte“ Videos auf dem Handy zeigen, was wiederum zu eruptivem Gelächter und dem mehrmaligen lauten Wiederholen der Pointe führt. Den Rest der Handlung kann ich mir jeweils theoretisch dazu denken, wach wär’ ich dann ja schon mal…

Zwischen dem normalen Radau tagsüber und der nächtlichen Rumkobolzung gibt’s aber auch noch die Dämmerung, in der sich mitunter herzzerreißende, aber typische Szenen belauschen lassen. So wie vor ein paar Tagen zwischen Mutter und Kind:

„Los! Nach Hause!“

„Nee, noch nicht…“

„Doch, komm jetzt!“

„Gleich.“

„Ich will aber nach Hause.“

„Nur noch 5 Minuten…“

„Dann geh’ ich alleine!“

„Mir doch egal, ich bleib’ noch!“

„O.K. – Dann geh’ ich jetzt.“

„Du hast ja nicht mal’n Schlüssel…“

„Manno, ich will jetzt aber nach Hause. Ich hab’ auch riesigen Hunger!“

„Jaaahaaa! Gla-heich! Die Mami raucht jetzt noch in Ruhe ’n Kippchen und trinkt ihr Bier zuende, ja? Dann gehen wir nach Hause und ich koch uns was Schönes.“

Aktuelles "must-have": streichelzarte Gurkenhaut.

Gurke_in_a_bottleWenn ich meine mails abrufe, dann warten da auf der Startseite immer jede Menge News und fliegende Werbebildchen auf mich.

Soeben wurde mir dort ganz aufgeregt mitgeteilt, dass es jetzt ein neues Schmiermittel für Frauenhaut gibt, mit dem „frischen Duft nach Grünem Tee und Gurke!“ – Ja sowas.

Gerade neulich hab’ ich doch noch gelesen, dass Brüssel jetzt auch wieder krumme Salatgurken zulässt, was ich eigentlich sogar fast ein bisschen schade fand, denn die Festlegung des gerade noch so zugelassenen Krümmungsradius war immer so ein schönes Beispiel für die allgemeine Regulierungswut. Jetzt, das ist klar, bekommen wir natürlich eine unglaubliche Gurkenschwemme, weil die ganzen antiautoritär gewachsenen Dinger jetzt nicht mehr im Keller versteckt, sondern wieder mit ans Tageslicht gezerrt werden.

Und damit wir jetzt kein europaweites, ernsthaftes Massengurkenproblem bekommen, werden sich namhafte Wissenschaftler zu einer Art Krisengipfel getroffen haben, um zu beratschlagen, wohin damit: „Watt machen wir nu? Draußen türmen sich schon die Gurkenkisten bis an die Regenrinne, eine schnelle Lösung muss her!“

Rauschendes Bärtekratzen, „Hm! Hm!“-Gebrumm, verlegenes Füßescharren, Bleistift- gekaue. – Dann sticht ein Zeigefinger in die Luft.

„Sacht ma, Frauen mögen doch gern Gurken!“ – „Ja, die essen die auch andauernd, weil keine Kalorien und so…“ – „Mensch, genau! Und erst neulich habe ich wieder eine im TV gesehen, die hatte so eine Gurkenbrille auf.“ – „Na, dann jubeln wir die denen doch unter!“ – „Hervorragend! Wir rufen einfach einen zwingenden Gurkentrend aus! Ruf mal die Weiberblättchenredaktionen an! Wir brauchen so schnell wie möglich Fotostrecken: Gurke als Nackenrolle, Gurke als Brosche, Gurke als Türstopper, Gurke als Handtasche, Gurke als modisches Accessoire überhaupt!“ – „Super Plan!“ – „Und: ich hab’s! Aus den Krummgurken machen wir einfach die neue Aloe Vera!“ – „Genial!“ – „Die werden uns die Gurken geradezu aus der Hand fressen…“

Ein Hersteller ist natürlich schnell gefunden, die Gurkenquetschpresse wird schließlich saftig subventioniert, und schon gibt’s Hautpaste mit Gurkenaroma. Die Damen reiben sich fleißig damit ein und gehen hoffnungsfroh davon aus, dass es die Herren ganz gern mögen, wenn sie nach Sommersalat und freudloser Diät riechen. Nur, wenn einer auffällig viel Dilldressing im Gepäck hat, werden sie vorsichtig und machen lieber einen Bogen drum.

Also, ich bin ja zum Glück alt genug, nicht mehr jeden Trend mitmachen zu müssen und werde mir höchstvermutlich keinen Krummegurkensaft auf die Stelzen kleistern. Man weiß ja nun auch noch nix über die Nebenwirkungen.

Nachher sieht man nach zwei Wochen aus wie ein Fußballer, der nebenbei auch noch als Cowboy arbeitet…

Heftige Zerknirschung.

Ich habe hier gerade zwei Sachen am Laufen: erstens ist mir direkt wieder eingefallen, dass man, wenn man anfängt, Zwieback mit Marmelade zu essen, nicht einfach wieder aufhören kann.

Zweitens stelle ich fest, dass Radiohören sich ganz schlecht mit ebenjenem Zwieback- genuss verträgt, wenn man nicht will, dass die Nachbarn gleich rüberkommen. Soweit ich weiß, heißt Zwieback auf Englisch „rusk“, was ja nun wirklich deutlich onomatopoetischer ist als die deutsche Bezeichnung…