Die kleine Flatter…
Monat: August 2009
Was gestern schön war. (3)
– Um fünf Uhr ausgeschlafen noch vor dem Weckerklingeln aufzustehen und in der mor- gendlichen Stille Tee am offenen Fenster zu trinken. (Danke, Roger!)
– Aus’m Lagerverkauf eine schöne Tüte leckerer Schnäppchen rauszuschleppen (u.a. Pro- fiteroles in Schokosauce, leckeren Ofenkäse, einen niedlichen kleinen Käse aus dem Perigord, der in Walnusslikör gebadet hat, und Norwegischen Gudbrandsdalen/Karamell- käse).
– Eine lose Verabredung auf ein gepflegtes „Mädchenbier“ mit Freundin S. für nächste Woche.
– Zu sehen, wie schön immerhin 2 der Brutblätter, die mir der gute Jenne bei der Abreise noch schnell in die Hand gedrückt hat, inzwischen angegangen sind.
– Freitagfeierabend!!!
Was gestern schön war (2)
– Das lauteste Knacken seit bestimmt Monaten beim Einrenken meines ständig herum- vagabundierenden Lendenwirbels.
– Der Duft von Lavendel durchs offene Bürofenster.
– Das mal in Ruhe Weggearbeitethaben eines ziemlichen Papierstapels auf meinem Schreibtisch. (Kollegin hatte frei.)
– Das hübsche, sehr eifrige, entenflossige Patschegeräusch, das eine angerufene Semi- narteilnehmerin übers Telefon schickte, als sie loslief, um ihren Chef zu suchen. (Flipflops? Taucherflossen? Wirklich eine Ente? Riesige Füße? Oder einfach eine riesige Ente in Flipflops?)
– Bandnudeln mit selbstgemachtem Rucola-Kürbiskern-Pesto, während die Kochsen- dungsprotagonisten im Fernseher versuchen, eine überbackene Pampe ohne unhöfliche Gesichtsentgleisung zu überstehen.
– Um neun ins Bett gehen und über Roger Willemsen einschlafen.
Was gestern schön war. (1)
– Auf dem Bahnsteig noch 10 Minuten das Gesicht in die Morgensonne zu halten.
– Der Entschluss, die Dinge, die mich „aufladen“, mal aufzuschreiben.
– Am Telefon:
(Ich rufe an, um eine Reservierung zu bestätigen. Am Apparat ein Kind.)
„Könnte ich bitte Klaus P. sprechen?“
„Der ist nur abends da! Nur abends. Nur abends.“
„O.K. Danke. Dann rufe ich später noch mal an.“
„Nur abends. Nur abends. Nur abends. Nur abends. Nur…“
„Alles klar. Danke. Tschühüss!“
„Nur abends. Nur abends. Nur abendsnurabendsnurabendsnurabends...“
– Das Rumwitzeln im Büro mit Aushilfe G. und der Praktikantin S.
– Auf dem Heimweg ein Auto zu sehen, auf dem nicht nur „Wurstdesign“ sondern tatsächlich auch noch „Fleischerei F. – Unsere Wurst sprengt jeden Rahmen!“ draufsteht.
Träum‘ süß.
Interessanter Traum heute Nacht.
Am Telefon sagt jemand eindringlich zu mir: „Du darfst so nicht weitermachen! Bitte nicht! Du gehst ja ein!“ Zum Glück bin ich danach aufgewacht und kam nicht mehr in die Gefahr, weiterzuträumen, denn die Nacht war vorbei. Um halb vier im Bett zu liegen mit Gedan- kenrasen, Herzpoltern, Nervenbrennen ist schlichtweg gesagt: nicht schön. Vor allem nicht in dem Wissen, als nächstes drei besonders harte Arbeitstage vor sich zu haben.
Natürlich hat der Anrufer Recht. Der schickt mir schon seit Wochen Botschaften, so Zettelchen mit Bildern und Erinnerungen drauf. Er lässt mich auch am späten Abend plötzlich putzmunter sein, wenn im Fernseher Filme kommen, die mich daran erinnern, dass es nicht nur das Angepasste, Regulierte, Ausdiskutierte, in Bahnen Gelenkte gibt. Sondern auch noch das Wilde, Leidenschaftliche, Ungedämpfte. Er lässt bei der Arbeit Gäste auftauchen, die aus dem Kaff kommen, in dem ich vor langer Zeit meine traurigsten und hoffnungslosesten Jahre verbracht habe. Beim Namedropping, gut gemeint, wird mir ganz schlecht.
Er gibt mir das Gefühl, als würde meine Hülle immer enger, was allerdings wirklich sein kann, denn ich habe im letzten halben Jahr 5 Kilo zugenommen. Ich weiß nur nicht, ob’s vom Sedierungsfressen kommt oder von den Pillen, die ich nehmen muss, damit sich meine Haut nicht nach zwei Tagen anfühlt wie ein Ameisenhaufen.
Er lässt mich Musik hören, die mir den Keller aufmacht, während ich zwischen wippenden Sparkassenfilialleitern und Verwaltungsangestellten schlimmes Bier trinke, statt mir beim Fährmannsfest Grasflecken zu holen.
Ich hab‘ hier mal, vor über zwei Jahren, irgendwo hingeschrieben, mir wär‘ manchmal nach „mit zwei Flaschen Rotwein unterm Arm schreiend durch den Wald rennen.“
Da isses wieder.
Keinen Euro.
In der Bahn, auf dem Heimweg von der Arbeit in die Stadt.
Neben mir ein junger Mann, vielleicht vier Jahre alt. (Ich bin bei Männern im Alterschätzen nicht sonderlich gut, bei Frauen allerdings sogar regelrecht schlecht). Ihm gegenüber sitzt offenbar sein Wochenend-Papa. (Das merkt man sofort man an der onkelhaft-bemühten Art, sich mit dem Kind zu unterhalten). Der Vater also irgendwann: „Dann fahren wir jetzt also auch mal zusammen einkaufen. Hast Du denn auch Geld mitgenommen, einen Euro vielleicht oder so?“ (Hört sich für mich an, als wolle er seinen Sohn irgendwie anpumpen.) Das Kind: „Nein…“ (Ich überlege schon mal, wo mein Portemonnaie steckt, denn als nächstes werden vermutlich beide mich anpumpen!) Der Vater tut empört: „Dann kannst Du ja überhaupt nichts für Max kaufen!“ Ich hab natürlich keine Ahnung, wer jetzt Max ist, aber der Lütte überlegt ernst und sagt dann entschlossen: „Dann kaufe ich dem Max was, was keinen Euro kostet!“
Im Gegensatz zu seinem Vater finde ich diesen Plan nicht nur prima, sondern überlege gleich, mir das demnächst auch mal vorzunehmen und lächle dem Jungen freundlich zu.
Der erklärt jetzt, wie breit das imaginäre Geschenk sein soll: es ragt vom Fenster bis mitten auf meinen Schoß. Längere Arme stehen leider nicht zur Verfügung. Der Vater versucht etwas verlegen, seinen Sohn davon abzuhalten, in meinen Luftraum einzudringen, aber mein neuer Freund und ich lassen uns gar nicht stören. Keine Ahnung, woran das liegt, und es tut mir ja auch sogar irgendwie leid, aber Männer in Bundfaltenhosen kann ich sowieso nicht ernst nehmen. Ich glaube, das liegt daran, dass diese Hosen so einen runden Popo machen, den ich bei Männern einfach albern finde. Ich sage also, quasi am Vater vorbei, zu dem Kleinen: „Und vielleicht sooo hoch!?“ und zeige mit der flachen Hand eine Stelle ungefähr einen Meter über seinem Kopf. „Ja, so hoch.“ nickt er begeistert, „und sooo tief!“ Dabei zeigt er einen riesigen Bierbauch, den er sich aber mal lieber erst in frühestens 20 Jahren anschaffen sollte. Und Max auch. Im Übrigen staune ich, dass so ein noch relativ kleines Kind schon Ahnung hat von Breite, Höhe, Tiefe. Wenn er so wei- termacht, kann er bald ein 1A Regalbauer werden. Tiefe Regale werden schließlich immer gebraucht.
„Und mit ’ner Schleife?“
„Ja, eine ganz bunte. Und eine richtig große Karte!“
„Finde ich super. Prima Plan, einverstanden!“ Ich gebe ihm die Hand drauf, wünsche viel Spaß beim Einkaufen und stehe auf, weil ich hier raus muss.
Also lieber Max:
Wenn Du das hier zufällig liest, dann klär uns doch mal bitte auf…
– Was gab’s denn nun???