Also, ich war’s jedenfalls nicht

Heute Morgen beim Wahlgang konnte ich live sehen, wie erloschenes Leben aussieht. In dem Raum mit der richtigen Zahl dran saßen 6 Männer, in kein Gespräch vertieft. Und alle bis auf einen sahen aus wie altgewordene Taxifahrer, die die ganze Nacht durch gefahren sind und dabei jeweils eine Stange Zigaretten weggeraucht haben. Niemand antwortete auf meinen Gruß. Bei dem Einen gab ich mein Kärtchen ab, der nickte nach sorgfältiger Prüfung einem Zweiten zu, der mir wortlos unter Aufbietung all seiner Restkraft den Wahl-
zettel 10 cm hoch über den Tisch hielt. Die anderen erschöpften sich im Zugucken, wie ich mich hinter die Pappwand verdrückte.

Meine zwei Kreuzlein hatte ich schnell gemacht, überlegte noch kurz, ob ich dazu schrei-
ben sollte: „Das gildet aber 7,9 Millionen Mal, bitteschön!“, denn so viele Einwohner soll’s hier geben, und ich hab’ Sorge, dass die überwiegend Mist ankreuzen werden. Dann ver-
kniff ich’s mir aber doch. Während ich meinen Zettel in die gelbe Tonne pfriemelte, wurden den Herren die Augenlider immer schwerer…

Beim Rausgehen rief ich fröhlich: „Tschüssi!“, und da muss einer aufgewacht sein. Denn als ich schon durch die Tür war, hörte ich ein leises „Wiederseh’n…“

17 thoughts on “Also, ich war’s jedenfalls nicht

  1. Ich kann mir das Bild vorstellen. Ich ging mit meine Vater, als ich noch Kind war, gerne ins Wahlbüro. Dort war aber eine hektische Stimmung. Jetzt können wir mit Brief, oder mit PC abstimmen. Die Wahlbüro haben fast keine Arbeit mehr.

    poc

      • Das ist eine interessante Frage, gar nicht so einfach zu beantworten.
        Was sicher ist, dank der „Briefwahl“, konnte der Rückgang der Wahlbeteiligung stabilisiert werden. Auch jüngere Wähler machen mit. Bei PC sind es noch Versuchsbetriebe, in gewissen Regionen, viel Erfahrung gibt es hier nicht. Wir müssen ja nicht nur für Wahlen, sondern auch oft für Abstimmungen an die Urne, das gibt zum Teil sehr tiefe Beteiligungen. Langsam kommt das Stimmrecht für die Ausländer, das hat auch einen Einfluss auf die Zahlen.

        poc

    • Bekannt war ich zum Glück mit keinem der Herren. Und sonst war auch keiner da, nur im Foyer aßen welche Käsebrote…

      Gewählt habe ich das für mich kleinste Übel, watt soll man auch sonst machen? Die Stimme zu verschenken ist auch keine Lösung.

      • Deshalb verstehe ich auch die Nichtwähler nicht. Nur weil wir von allen ausgebeutet werden gehen die nicht zur Wahl? Dann darf sich hinterher auch niemand beschweren!
        Die Leute scheinen nichts aus der Geschichte gelernt zu haben.
        Viellleicht sollte eine Wahlpflicht eingeführt werden?!? 😉

  2. bis ich mich zu Kreuzchen schleppte, wurds 17 Uhr 😉 bin auch mal gespannt, wie viele der 102tausend Leute hier in Hessen /quatsch! Hier in LANDKREIS!/ wirklich gewählt haben…

    dass alle nach Hessen gucken dürfte den Grund haben, dass die ganze Republik eine Höllenangst davor hat, dass wir den Breiverderber Roli abwählen – und der dann auf einmal ganz viel Zeit für ein Amt in der Bundesregierung hat…

      • na ja… vielleicht reicht’s ja auch schon, dass die CDU merkt, wenn sie solche Ar…gesichter ohne Hose überm Kopp rumlaufen lässt, gibt’s rapide Punktabzug.

        Ausser den Diagnosen unheilbarer Krankheiten sollte man alles positiv sehen.

        Was ich ziemlich strange fand, ist das flächendeckende Absaufen der Grünen; reichte wohl nicht aus, als einzige (auch für tv-verweigernde Polit-Deppen wie mich) sichtbare Inhalte „Anti Koch“ und „Rotgrün“ aufzufahren. Leute-Bashing war noch nie ein besonders gutes Argument, und irgendwie haben ’se das ganz schön heftig getrieben.

        Meine heimliche Hoffnung ist ja, dass die CDU bald kochfreie Zone wird… aber das sag ich lieber nicht allzu laut. Wer weiss wo der dann hingeht… nach Berlin?

  3. Ein wunderbares Stimmungsbild, meine Liebe. Und zum Glück hast du deinen schönen Witz doch nicht auf den Wahlzettel geschrieben, dann wär nämlich selbst diese eine Stimme ungültig gewesen. Sag, und hat der Landesvater deines Herzens gewonnen?

    • Neee, genau, das hat mich auch davon abgehalten.

      Der Landesvater meines Herzens ist leider nicht angetreten. Der wohnt auch ganz woanders, der Helge S.
      Also doch wieder Milchbrötchen. 🙁

  4. Entweder waren wir in unterschiedlichen Wahlstellen oder bloß in verschiedenen Räumen. Meine drei Wahlhelfer waren sehr freundlich und beinahe ausgelassen. Das kann allerdings auch daran liegen, dass ich kurz vor „Feierabend“ kam und sie froh waren, dass der Sonntag damit fast vorbei war.

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich nach den ersten Hochrechnungen tatsächlich gefragt habe, wieso ich überhaupt gegangen bin. Na ja. Irgendwie fühle ich mich einfach verpflichtet.

    • Hingehen sollte man immer, finde ich. Ich hätte sonst bestimmt ein schlechtes Gewissen.

      Vielleicht haben sie die Belegschaft tagsüber mal ausgetauscht? Ich war ja schon morgens um zehn da (Raum 3504), in der Grundschule mit der bunten Schlange vor der Tür. 😉

  5. Ich hab mich schon im Blog von WatcherX ausgelassen darüber, was ich von der geringen Wahlbeteiligung halte. Es ist eine ziemliche Schande… Ich meine, in Hessen war doch mal wirklich eine Entscheidung möglich und nötig…

    Hier in Berlin hab ich mal Folgendes in einem Wahllokal erlebt:

    Ein älterer Herr und eine ältere Frau kommen rein und lassen sich in der Wählerliste finden, kriegen ihre Stimmzettel und wollen zusammen in eine Wahlkabine gehen. Die nette Wahlhelferin sagt den beiden, nein, sie dürften nicht zusammen in eine Kabine, es sei schließlich eine geheime Wahl und darum müsste jeder in eine eigene Kabine. Darauf die Frau: Aber mein Mann sieht doch fast gar nichts mehr, ich muss ihm doch helfen…

    Die Wahlhelferin besteht aber darauf, sie hat sogar eine große Lupe parat, damit die wählen können, die ihre Brille vergessen haben. (Das nenn ich mal einen guten Service…) Aber die Beiden werden jetzt richtig zickig und sagen, wenn wir nicht zusammen in eine Kabine dürfen, dann wählen wir eben überhaupt nicht, so, dass haben sie nun davon!

    Die Wahlhelferin hat nur noch mit offenem Mund und äußerst verwunderten Augen den Beiden nachgestarrt, die stolz und befriedigt das Wahllokal verlassen…

    Ja, man darf sich eben nichts gefallen lassen, oder?

    • Solche Stiesel wählen ohnehin meistens das Falsche. 😉 Eigentlich hätten sie genug Erfahrung haben müssen, um zu wissen, dass man da nur einzeln rein darf…

      Ich bin froh, dass ich wählen darf und darum mach ich’s auch. Auch, wenn’s mir immer schwerer fällt.

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