Glück durch Fermentation

Noch in der letzten Woche war ich ja hübsch verreist und unterwegs. Und unterwegs ist gut in Straßencafés sitzen und Leute begucken. Am liebsten natürlich in netter Gesell-
schaft, die beim Begucken und Kommentieren hilft. Hatte ich. Sogar ganz ausgesprochen nette… Manchmal laufen aber kaum beguckbare Leute herum und dann liest man die Ge-
tränkekarte ausnahmsweise etwas genauer. Ich z.B. studierte eine Liste von Teesorten. Da gab es natürlich schwarzen Tee, „Earl Grey“, Hagebuttentee, sogar verschiedene Kräutertees und neuerdings gibt’s gern auch mal leckeren indischen „Chai“ oder merk-
würdig schmeckenden „Yogi-Tee“ in solchen Lokalen.
So eine Auswahl findet man schon ganz normal.
Aber dann las ich „Orange-Sahne-Ginkgo“-Tee. Und da blieb ich doch hängen. Das kann doch nicht schmecken und was ist daran noch Tee? Orange: na gut. Im Kombination mit Sahne: schon merkwürdiger. Aber Ginkgo? Wozu dattdenn? Wie schmeckt denn Ginkgo? Ein schöner Witz wäre es jetzt vielleicht, zu sagen: „Hab’ ich vergessen…“ Denn angeblich hilft das Zeug gegen Gedächtnisstörungen. Wozu man das zusammen mit Orange und Sahne im Tee haben muss, weiß ich nicht. Ich habe eine Vorstellung davon, wer sich so was bestellt, aber die schreibe ich hier nicht hin.

Darunter stand auch noch „Wind der Savanne“ in der Liste, also gehe ich davon aus, dass es sich auch hier um ein Brühgetränk handelte. Alles, was gebrüht wird, und kein Kaffee ist, kann ja nur noch Tee oder eben Brühe sein. Wie so ein Savannenwind schmeckt, kann ich mir noch weniger vorstellen als den Geschmack der Ginkgosache. Vielleicht ein bisschen nach staubigen Datteln? Ach nee, das wäre ja „Wind der Sahara“. Was gibt’s denn In der Savanne? Löwen! Der Tee schmeckt also wahrscheinlich nach staubigen Löwen.

Ich beschloss, mich demnächst etwas eingehender mit Teesorten zu befassen und bestellte erstmal gut gelaunt und ausnahmsweise Capuccino, mein lieber Begleiter orderte einen Milchkaffee. Wir bekamen auch bald zwei Tassen, die erheiterte Verwirrung bei uns auslösten. Mein Cappuccino war nämlich ganz schön groß, in einem großen hohen Becher. Sein Milchkaffee war etwa ein Drittel kleiner, in einer nach oben schlanker werdenden Tasse. Beide Getränke sahen aber sonst gleich aus. Kein Kakaopülverchen als Hinweis, nix, nur unterschiedliche Tassenform. Ein kurzer Test ergab, dass beide Getränke auch genau gleich schmeckten. Wir tauschten die unterschiedlichen Tassen, denn sein Kaffeedurst war größer als meiner und dann kamen mal wieder ein paar Leute zum Begucken vorbei, wir plauderten angeregt und ich vergaß fast die Sache mit den Tees wieder. Keine zwei Tage später jedoch kam ich nicht umhin, dieses Foto zu machen:

Druidentee

„Druiden-Zaubertee“ mit Erdbeer-Vanille-
Geschmack! (Deswegen auch das Foto. So was glaubt mir doch sonst wieder keiner.) Ich weiß auch schon, was der zaubert: Magengrimmen und verödete Geschmacksknospen, nämlich. Da würde ich auch lieber die Tüte dran lassen, wenn ich mir den in die Tasse täte!

Wieder zuhause wollte ich’s wissen und guckte mal so ein bisschen herum zum Thema „Sachen, die man mit heiß Wasser nass macht, die komische Namen haben, und an denen man sich bestimmt mehrere goldene Nasen ver-
dient, wenn man’s geschickt anstellt“. Ein großer Tee-Abfüller bietet im gut sortierten Superladen schon mal „Momente des Glücks“ an. Ja, sogar „Momente der Versuchung“! Das will ich mir gar nicht ausmalen. Vielleicht geht’s aber auch nur um den Versuch, eine trinkbare Plörre herzustellen. Im Internet fand ich die Teesorte „Quelle des Glücks“. Das ist ja einfach! Beutel auf, heiß Wasser drauf, das Glück 5-8 Minuten ziehen lassen, – fertig! Wahrscheinlich ist es eher mein Portemonnaie, das da als Glücksbrunnen dient, für den Herrn Teeeintüter. Was denken die sich denn sonst dabei?

Aber es geht ja noch weiter:
Doch vielleicht lieber eine „Atempause“? Also, sprich: mal eine Weile nicht atmen? Eventuell solange, bis der „Elfentau“ fertig gezogen hat? Dann sind die Lippen schon mal schön elfenmäßig blau. Und damit dann wieder Leben in die Bude kommt, hätten wir da ja noch die „Dschungelparty“ im Teebeutel! Hoffentlich sind da keine ausflippenden Orang-
Utans drin, die statt mit Konfetti mit Riesenradnetzspinnen und giftigen Tausendfüsslern werfen, der Stimmung wegen!
Oder wie wär’s mit „Kräuter-Kinder-Tee“? Also, da werden wohl Kräuter drin sein, und… Och nee, lieber donnich. Da kann ich ja gleich „Schlechtwetterhexen-Tee“ trinken!

Also doch lieber was Feines: „Champagner-Aprikosen-Tee“. Mist, die Sektflöten stehen noch im Abwasch. Und warmer Champagner ist auch nicht jedermanns Sache. Also, meine jedenfalls nicht. Auch nicht mit Aprikose, leider. Was denn nu?
Auch der „Grüne Schmorapfel“-Tee verheißt nix Gutes mehr. Schmorgeruch lässt mich entweder an Rindsroulade denken oder an Kabelbrand. Beides möchte ich nicht in der Tasse haben.

Ein wahrscheinlich probates Mittel übrigens, das jeweils andere Geschlecht per Heißgetränk zur Tür raus zu gruseln, ist meiner Meinung nach: 1. Sie setzt ihm „Bio-Liebes-Kräutertee“ vor und lässt es ihn auch noch wissen. (Der Mann, der so was freiwillig austrinkt, mit dem möchte man dann, glaubich, auch gar nicht mehr… Wo bleibt denn da die Würde?)

Oder 2.: Er kocht ihr „Alibabas 40 Düfte“-Tee. Man kann sich ja eigentlich vorstellen, wie jemand riecht, der gerade tagelang durch die Wüste geritten ist. Will man das denn? Nach Sesam jedenfalls wird er nicht riechen.

 Also vielleicht doch wieder Zuflucht zum Kaffee nehmen? Eigentlich bin ich doch überzeugte Teetrinkerin! Ich habe das hier ja auch schon mal beschrieben. Und ich will’s mir auch nicht gern damit verderben lassen. Och, nu kann ich mich gar nicht entscheiden… Ah, ich glaub’, jetzt habe ich’s!

Eine der wohl sinnlosesten Kreationen auf dem Teemarkt wird’s retten: Der „Caffé Latte“-Tee!

 (Alle hier beschriebenen Teesorten gibt’s wirklich! Und bestimmt noch viele mehr, die ich jetzt übersehen habe. Was es bisher wohl nicht gibt, sind so feine Sorten wie „Rocker-Tee“, „Schwitzende-Bauarbeiter-Tee“ und „Ich-bin-deprimiert-aber-das-soll-so!-Tee“)

11 thoughts on “Glück durch Fermentation

  1. Na Dufttee dufte!
    Ich hab’s ja gar nicht so mit Tee. Außer, wenn ich schlimm krank bin.
    Es muss wohl aber eine ganz besondere Wissenschaft sein, seltsam anmutende Namen für Heißgetränke zu erfinden. Und Du hast da meines Erachtens großes Potential. Im Gegensatz zu „Ali Babas 7 Geiseln und ihre Düfte-Tee“ würde ich nämlich „Rockertee“ schon mal probieren- allein der Attitüde wegen (aber nur, wenn ich ganz schlimm krank wär).

    • Und wie isses mit „Schwitzende-Bauarbeiter-Tee“? :))
      Nee, ich glaube, so krank kann man gar nicht werden!

      Also im „Rocker-Tee“ enthalten: Kettenfett, Gürtelnieten, ganze Bierdosen und für den Kickstart: Kokablätter. Selbstverständlich feinstens gezupft und fermentiert. Oder warens Hanfblätter? Mussich nochma‘ auffet Tütchen gucken gehn…

  2. Okay, es passt nicht so ganz zum Tee. Aber immerhin zum warmen Champagner: In meiner zweiten Heimat wurde ich nämlich auf dem Weihnachtsmarkt mit heißer Caipirinha überrascht. Ich habe das vorsichtshalber nicht probiert. Obwohl das heiße Crushed Ice sicher einen Versuch wert gewesen wäre…

    • Ja, das hätte mich jetzt auch mal interessiert. Aber vielleicht ganz gut, dass Du’s nicht gemacht hast. Heiße Caipirinha bollert bestimmt noch schneller in den Kopp als kalte. Und ruckzuck wacht man neben ’nem zerzausten Weihnachtsmann auf… :>> Das will man ja nich.

    • Danke Dir für die Erklärung, trillian.
      Aber wozu brauche ich denn was Bitteres im Tee? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Ginkgo in dieser Form sehr viel Wirkung entfalten kann. Aber ich kenn mich ja auch nicht so aus…;)

  3. Ich bin auch der festen Überzeugung wir brauchen mehr Tee, der auch wirklich erreichbare Gemütszustände beschreibt. „Wind der Savanne“ wer kennt denn schon sowas, aber „Schlechter Sex“ oder „Kundenfrust“…

    Und dann noch ein Tässchen „Feierabendstau“ (ohne Zucker) inne Thermoskanne und es kann eigentlich nix mehr schiefgehen.

  4. Safilm-Tee: bildet an der Oberfläche ne hauchdünne aber stabile Klebeschicht.
    Kara-Tee: haut dich mit der Handkante um wenn du auf japanisch bis zehn zählst und dann den Beutel mit einem KIAI! am schwarzen Band rausrupfst.
    Pizza-Tee: einfach alles zusammenrühren und Tomatenpampe dazu.
    Dekolle-Tee: wird nur mit den Augen getrunken.
    Rölsteinkohlen-Tee: lässt Eisenbahn schwellen oder Energie masten. Ganz gefährliches Zeug.
    Ren-Tee: wird immer seltener für Leute jenseits der 63 Jahre.
    Alden-Tee: auf keinen Fall ziehen lassen! Sonst wird der matschig.

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