Telefon

Am Samstag war es bestimmt nicht sonderlich schwer, fremde Wohnungen auszuräumen, heimlich Klingelschilder zu vertauschen oder Plastikminiaturwindmühlen aus Vorgärten zu mopsen.
Alle halbwegs mobilen Insassen dieser Republik waren nämlich in Hannovers Fußgängerzone unterwegs und verstopften mit sich selbst die Passagen. Vielleicht stand ja am Samstag wieder in der Zeitung, dass wir neuerdings so dolle Konjunktur haben. So, dass alle glaubten, sie hätten plötzlich doch wieder Geld auf Tasche und dann schnell weg damit, bevor es alle ist. Ich verstopfte mit, weil ich mir ja kurz entschlossen ein Büchlein kaufen wollte, das es leider in meiner Lindener Buchhandlung nicht gab und das ich aber bockigerweise sofort haben wollte.

Am Buchsuperladen angekommen, schloss ich mein Rad an und sah, wie in einem ruhigen Winkel eine erschöpfte Mutter mit ihrem kleinen Sohn wohl auf jemanden wartete. Die Mutter saß auf einem Betonpollerchen und der vielleicht 6 jährige Sohn hatte ein Stück gelber Kreide irgendwoher und malte auf den Steinfliesen herum. Er war ganz vertieft in seine Tätigkeit und beachtete die Toserei in seiner Umgebung überhaupt nicht.

Er malte nämlich ein Telefon. Aber nicht etwa ein Handy. Auch nicht so ein Schnurloses. Er malte ein richtig altes Telefon, mit Wählscheibe und Gabel für den Hörer und gekringelter Schnur dran…

3 thoughts on “Telefon

  1. Das ist eine interessante Beobachtung. Offenbar halten sich die Vorstellungen viel länger als die Sache selbst. Bei Lokomotiven ist es ähnlich. Eine Dampflok ist einfach eindrucksvoller als eine moderne E-Lok.

  2. Wie schön… ich meine, ich suche schon ewig nach so einem Ding und klappere schon den ganzen Bekanntenkreis nach jemandem ab, der sowas im Keller hat.
    Herrlich, dass auch manche Vertreter der Jugend geschmacklich mit mir auf einer Wellenlänge sind.

  3. Ich schätze, das hat vielleicht was mit Kinderbilderbuch-Illustratoren zu tun, die vielleicht schon langsam auf die Rente zugehen. Oder woher sollen die Kurzen das sonst haben?
    Vielleicht auch nicht so wichtig.
    Süß war’s allemal.

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