{"id":6123498,"date":"2009-05-16T06:25:54","date_gmt":"2009-05-16T06:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/2009\/05\/16\/theobromine-not-hilfe-rentner-schwemmen-6123498\/"},"modified":"2009-05-16T06:25:54","modified_gmt":"2009-05-16T06:25:54","slug":"theobromine-not-hilfe-rentner-schwemmen-6123498","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/2009\/05\/16\/theobromine-not-hilfe-rentner-schwemmen-6123498\/","title":{"rendered":"Theobromine in Not: Hilfe, Rentner schwemmen aus!"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><em>Donnerstag:<\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Heute ist ja wohl auch wieder so\u0092n Tag.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wenn ich die Post hole, dann sitzt an zwei Tagen in der Woche der Kollege M. in der Poststelle. Er ist eigentlich schon l\u00e4ngst pensioniert, es h\u00e4lt ihn aber nicht zuhause. Ich vermute, das hat seine Frau entschieden. Als ich noch neu in dem Laden war, herrschte er mich einzweimal an, ob ich denn ganz allgemein niemanden gr\u00fc\u00dfe oder blo\u00df ihn nicht. Da war ich, zugegeben, erstmal kurz perplex, fand aber dann durch blitzschnelles Kombi- nieren heraus, dass Herr M. der einzige ist, der nicht wei\u00df, dass er schwerh\u00f6rig ist. (Eben waren wir noch zu Zweit.)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Nun br\u00fclle ich den armen Mann immer schon von der T\u00fcr aus an: \u0084Hallo! Sch\u00f6nen guten Morgen, Herr M.!!!\u0093, was ihm aber zu gefallen scheint. Heute war mir mal ein bisschen nach Abwechslung, und deshalb rief ich: \u0084Hallo, guten Morgen, Herr M.! &#8211; Na? Schon wieder flei\u00dfig?!?\u0093 Das h\u00e4tte ich mal lieber sein lassen sollen, denn Herr M. startete gleich den Motor und nahm richtig schnell Fahrt auf: \u0084<em>Ich<\/em> bin flei\u00dfig, <em>Sie<\/em> sind flei\u00dfig. Sind wir ja alle. Wir <em>m\u00fcssen<\/em> ja! Machen wir ja aber auch gerne, nicht? Immer sch\u00f6n flei\u00dfig! Wir m\u00fcssen ja die Wirtschaft an&#8230;, an&#8230;\u0093<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u0084-kurbeln?\u0093, half ich nach und fl\u00fcchtete mich vorsichtshalber gleich in Gedanken \u00fcber die- ses Wort, das man jetzt wieder so oft h\u00f6rt und das mir so seltsam altbacken vorkommt. Wo wird denn heutzutage noch gekurbelt? Das geht doch inzwischen alles \u00fcber Touch- screen! Ich muss dann immer an diese Autos denken, die ich als Kind in \u0084V\u00e4ter der Klamotte\u0093 gesehen habe, die wurden doch per Kurbel&#8230; Aber vielleicht ist der Vergleich mit einem uralten Auto ja auch gar nicht so verkehrt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Inzwischen pumpt sich Herr M. auf wie ein Maik\u00e4fer und m\u00f6chte gern richtig loslegen. Ich kann noch schnell sagen, dass ich das Wort \u0084Krise\u0093 nicht mehr h\u00f6ren kann und deshalb auch schon l\u00e4nger keine Nachrichten mehr gucke. Doch diesen dezenten Hinweis \u00fcber- h\u00f6rt er (nat\u00fcrlich!) und ist schon unterwegs; &#8211; im Galopp \u00fcber Allgemeinpl\u00e4tze: Den klei- nen Mann. Die Kleinen fangen sie, die Gro\u00dfen lassen sie laufen. Managerabfindungen. Und dass man sich diese Milliarden ja gar nicht vorstellen kann.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Jaja. Ich kann mir ohne weiteres Milliarden vorstellen, denn in meinem Kopf ist Jahrmarkt und ich k\u00f6nnte mir zur Not sogar <em>Milliarden kleiner M\u00e4nner<\/em> vorstellen, solange ich sie nicht z\u00e4hlen muss. Herr M. ist gerade bei: \u0084Und wer muss das alles wieder bezahlen? Wir!\u0093, da hake ich ein, sage: \u0084A propos: <em>muss<\/em>. Ich muss dann mal wieder. Kurbeln gehen, nech?\u0093 und flitsche schnell aus der T\u00fcr.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Kaum in meiner Abteilung angekommen, steht ein weiterer \u00e4lterer Herr mit grasgr\u00fcnem Pulli vor mir. Nat\u00fcrlich hat er ein Poloshirt drunter. Offenbar hat mal wieder jemand den Schnappi von der Eingangst\u00fcr runtergeknipst. Der Herr will nun wissen, wie das alles hier so bei uns funktioniert, schielt immerzu neugierig Richtung Ausstellung, beschwert sich mal gleich, dass wir nicht immer ge\u00f6ffnet haben, wenn er Lust kriegt, mal reinzuschneien, und wieso wir eigentlich keine Gruppenf\u00fchrungen f\u00fcr 6-8 Personen organisieren. Er hat dann nat\u00fcrlich auch gleich mal ein paar Verbesserungsvorschl\u00e4ge, was das grunds\u00e4tz- liche F\u00fchren unserer Einrichtung angeht. Das habe ich \u00fcbrigens besonders gern: \u0084Ideen und Vorschl\u00e4ge\u0093 von Branchenfremden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Dass mein Telefon immerzu klingelt, st\u00f6rt ihn erstmal nicht, schlie\u00dflich offenbart er mir gerade die Geheimnisse der Unternehmensf\u00fchrung, das kann ja nur wichtiger sein. K\u00f6rpersprache kann er leider nicht lesen. Auch mein ungeduldiges \u0084Hm. Hm.\u0093 versteht er eher als Anfeuerungsversuche. Irgendwann drehe ich mich einfach um, murmele was von \u0084mal endlich rangehen\u0093 und verschwinde. Am Telefon ist ein inzwischen ver\u00e4rgerter Hand- werker, der mich bittet, mal eben den Durchmesser eines Kronleuchters auszumessen. Also laufe ich mit dem Telefon an dem Besucher im Foyer vorbei, der mir noch bedrohlich hinterher ruft: \u0084Machenseman! Ich hab\u0092 Zeit!\u0093<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">In der Ausstellung muss ich auf einen Stuhl steigen und versuchen, Telefon und Zollstock gleichzeitig zu bedienen, was nicht ganz einfach ist, weil hier hinten der Empfang mise- rabel ist und das Gespr\u00e4ch nun quasi Buchstabengehacktes f\u00fcr Phantasiebegabte wird. An einem anderen Tag w\u00e4re das sicher lustig. Ach, und weil ich ja schon mal dabei und so freundlich bin, soll ich die anderen Lampen auch gleich noch&#8230;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Als ich wieder zur\u00fcck bin, ist der Senior nat\u00fcrlich immer noch da, hat inzwischen eine Brosch\u00fcre \u00fcber K\u00e4se durchgebl\u00e4ttert und ist dar\u00fcber zum Experten geworden. Das bitte nicht auch noch! Ich packe ihm energisch einen Stapel weiterer Faltbl\u00e4tter zusammen und lege ihm eine Karte mit unseren \u00d6ffnungszeiten ganz obendrauf, bevor ich den Arm zur T\u00fcr hin ausstrecke und ihm noch einen interessanten Tag w\u00fcnsche. Wenn er irgendwann mal wiederkommt, und er <em>wird <\/em>wiederkommen, erwischts hoffentlich die Kollegin.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Sp\u00e4ter in der Bahn setzt sich nat\u00fcrlich der n\u00e4chste alte Herr des Tages ausgerechnet neben mich, obwohl der Zug nur halbvoll ist, und will gleich wissen, wie ich das Wetter finde, ob ich von der Arbeit komme und was das denn so f\u00fcr eine Arbeit sei.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u0084Seniorenb\u00e4ndigerin!\u0093 kann ich ja schlecht sagen, also murmele ich mir unentschieden was zurecht. Das macht aber nichts, denn nat\u00fcrlich war das nur der Einstieg in seine Berufslebensgeschichte. Zum Gl\u00fcck ist der Bahnhof nur 10 Minuten weit weg. Nur so viel: \u00fcber 40 Jahre bei der Post, ganze Entwicklung \u00fcber die Jahrzehnte miterlebt (\u0084nicht gut, nicht gut\u0093), alles geht den Bach runter, zuhause 2 Kinder gehabt (\u0084Alles eigener H\u00e4nde Arbeit!\u0093), inzwischen 3 Enkel, was soll man machen&#8230;<\/p>\n<p>Ich seufze und beschlie\u00dfe, mir jetzt wohl doch so ein MP3-Dings mit Ohrk\u00f6rkchen anzuschaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag: Heute ist ja wohl auch wieder so\u0092n Tag. Wenn ich die Post hole, dann sitzt an zwei Tagen in der Woche der Kollege M. in der Poststelle. Er ist eigentlich schon l\u00e4ngst pensioniert, es h\u00e4lt ihn aber nicht zuhause. Ich vermute, das hat seine Frau entschieden. 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