{"id":4924164,"date":"2008-10-24T13:25:44","date_gmt":"2008-10-24T13:25:44","guid":{"rendered":"http:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/2008\/10\/24\/pfotenlose-hosen-waeren-lieber-4924164\/"},"modified":"2008-10-24T13:25:44","modified_gmt":"2008-10-24T13:25:44","slug":"pfotenlose-hosen-waeren-lieber-4924164","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/2008\/10\/24\/pfotenlose-hosen-waeren-lieber-4924164\/","title":{"rendered":"Pfotenlose Hosen w\u00e4ren mir lieber."},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\">Heute habe ich was gemacht, was ich bestimmt schon ein halbes Jahr nicht mehr gemacht habe. Und ich wei\u00df eigentlich gar nicht richtig, warum ich es so lange nicht mehr gemacht habe, denn als ich\u2019s vorhin machte, merkte ich sofort, wie <em>sehr<\/em> es mir gefehlt hat.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ich hab\u2019 meine Runde gedreht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Will sagen, ich habe einen Spaziergang gemacht. Und zwar genau so einen, wie ich ihn jahrelang gemacht habe, d.h. immer dieselbe Strecke, immer der gleiche Weg. Sicher gibt es Menschen, die die Vorstellung, immer dieselbe Route zu nehmen, f\u00fcrchterlich langweilig finden. Doch f\u00fcr mich hat dieser Spaziergang etwas Rituelles, auch was Medi-<br \/>tatives, Ordnendes.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Eine Gesundheitsfrau hat mir mal gesagt, ich sei wie ein Dampfkochtopf. Ich st\u00fcnde im-<br \/>merzu unter einem inneren Druck, s\u00e4he aber von au\u00dfen ganz unauff\u00e4llig aus. Damals hab\u2019 ich mich glatt irgendwie ertappt gef\u00fchlt. Allerdings haben Dampfkocht\u00f6pfe zum Gl\u00fcck ein Ventil, damit einem die Pellkartoffeln nicht einfach so um die Ohren fliegen. Mein Ventil ist \u201emeine Runde\u201c. Die dauert ungef\u00e4hr eine Stunde, und ich gehe immer ziemlich forsch los und werde dann langsam langsamer.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><a title=\"meine_Runde_1\" href=\"#\"><img style=\"float: left;\" src=\"http:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/2928149_db8f99f70e_m.jpeg\" alt=\"meine_Runde_1\" hspace=\"5\" vspace=\"5\"><\/a>Der Weg ist, wie ja schon gesagt, immer derselbe, und macht f\u00fcr mich sowas wie <em>die Mitte<\/em> aus. Au\u00dfen ver\u00e4ndert sich die Landschaft mit den Jahreszeiten und dem Wetter, so dass ich nie zweimal dasselbe sehe. Innen sind meine Gedanken, die sich beim Gehen ordnen. Durch die Bewegung werden sie wie durchgesiebt; &#8211; alles, was kleiner und nicht so wichtig ist, f\u00e4llt durch die Maschen; &#8211; oben liegen bleibt, was Betrachtung n\u00f6tig hat.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ich gehe zun\u00e4chst ein bisschen an der Ihme entlang, dann komme ich irgend-<br \/>wann unter einer Eisenbahnbr\u00fccke durch. An dieser Stelle denke ich jedes Mal an diese Szene aus \u201eCabaret\u201c, in der Sally Bowles und der verklemmte Englischlehrer unter der Br\u00fccke stehen und auf den lauten Zug warten, damit sie mal so richtig losschreien k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">&#8211; Ich trau\u2019 mich das nie.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Kurz danach gehe ich \u00fcber eine kleine Holzbr\u00fccke, und dort kann ich nicht anders, es ist wie ein Reflex: ich schaue immer, ob ich im Bach darunter vielleicht doch mal das Euro-<br \/>st\u00fcck blinken sehe, das ich vor Jahren mal symbolhaft dort reingeschmissen habe, als ich von dem rechtm\u00e4\u00dfigen Besitzer dieses Geldst\u00fccks furchtbar entt\u00e4uscht und verletzt wor-<br \/>den war. Dass es nun ein olles Eurost\u00fcck war, ist vielleicht ein bisschen albern, aber ich hatte eben gerade nichts anderes von ihm zur Hand. Eigentlich h\u00e4tte ich <em>ihn <\/em>damals in den Bach schmei\u00dfen und <em>mir<\/em> von dem Geld ein Eis kaufen sollen, aber man ist eben oft erst hinterher kl\u00fcger.\u00a0<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Nach der Br\u00fccke ist es nicht mehr weit zu einer alten Weide, die ich gern besuche. Sie ist vor einem guten Jahr bei einem Sturm umgest\u00fcrzt, lebt und gr\u00fcnt aber munter weiter, die z\u00e4he alte Dame. Ich bilde mir immer ein, sie kann h\u00f6ren, was in mir so saust und braust, und sagt mir dann: Jetzt beruhige Dich erstmal&#8230;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Heute wollte ich mich gern mal wieder ein bisschen an sie lehnen, mal fragen, wie\u2019s so geht, die Sonne genie\u00dfen und dem allgemeinen Vogelgepiepe in ihren \u00c4sten zuh\u00f6ren, als pl\u00f6tzlich ein kniehoher, bis zum Hals nasser und schlammiger Hund auf mich zugest\u00fcrzt kommt und in mir wohl seinen lang vermissten Spielkameraden wiederzuerkennen glaubt. Das mittelalte Herrchen in wurstigem Anorak steht schon etwas weiter weg und ruft halb-<br \/>herzig nach ihm. Das Vieh springt sofort an mir hoch und kriegt sich vor Begeisterung gar nicht mehr ein. Zum Gl\u00fcck ist er ein durchaus freundlicher Hund, aber mir pers\u00f6nlich jetzt einfach zu ungest\u00fcm. Ich versuche es mit: \u201eAus! Ab zu Herrchen!!\u201c und \u201ePfui!\u201c. Sinnlos. Herrchen pfeift derweil durch die Z\u00e4hne, ruft wieder, r\u00fchrt sich selbst aber keinen kleinen Zentimeter. Inzwischen hat mir der Hund meine frisch gewaschene Jeans und die Turn-<br \/>schuhe ordentlich mit Pfotenabdr\u00fccken eingesaut.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ich rufe dem Hundebesitzer zu, sein Hund h\u00f6re ja wohl <em>nicht<\/em> besonders und er solle jetzt gef\u00e4lligst mal selbst herkommen und mir das Tier vom Leib halten. Der Typ pfeift und ruft lahm ein bisschen weiter, obwohl der Nutzen inzwischen offensichtlich ist, und ist nach wie vor zu faul, sich auf uns zuzubewegen. Er m\u00fcsste daf\u00fcr schlie\u00dflich gute hundert Me-<br \/>ter seines Spazierganges zur\u00fcckspulen und dann erneut laufen. Das ist nat\u00fcrlich schon irgendwie unzumutbar. Es dauert also noch eine ganze Weile, bis der Hund endlich von mir abl\u00e4sst und seinem Herrn doch noch hinterherwetzt. Ich bin richtig sauer und meine Hose sieht aus, als w\u00e4r ich damit auf &#8217;nem Festival gewesen. Eine Entschuldigung be-<br \/>komme ich nat\u00fcrlich auch nicht. Kurz \u00fcberlege ich, ob ich den beiden hinterher soll, um mir den ignoranten Kerl mal aus der N\u00e4he anzugucken, aber ich male mir meine Erfolgs-<br \/>aussichten auf einen vern\u00fcnftigen Wortwechsel als gering aus und lasse es eben sein.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><a title=\"meine_Runde_2\" href=\"#\"><img style=\"float: right;\" src=\"http:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/2928166_bac901dd7b_m.jpeg\" alt=\"meine_Runde_2\" hspace=\"5\" vspace=\"5\"><\/a>Gerade bem\u00fch&#8216; ich mich, den Vorfall innerlich ab-<br \/>zuhaken und beobachte ein paar Rotkehlchen und Bauml\u00e4ufer beim Beerenpicken, da sehe ich einen anderen Mann mit Baseballkappe und Bril-<br \/>le, der mit seinem Fahrrad am Bach entlangf\u00e4hrt, immer wieder anh\u00e4lt und dann am Ufer suchend herumsp\u00e4ht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Und denke so bei mir: Hat der da vielleicht verbo-<br \/>tenerweise irgendwelche Angelschn\u00fcre liegen? Schlie\u00dflich ist das ein Naturschutzgebiet hier und da darf nicht jeder alles. Als ich mit ihm auf gleicher H\u00f6he bin, wirkt er merkw\u00fcrdig verlegen, nestelt sein Handy raus und ich muss mich gar nicht anstrengen, ihn sagen zu h\u00f6ren: \u201eIch bin\u2019s! Ich bin an der Aue. Die Leichen&#8230;\u201c <br \/>Der Rest geht in B\u00e4umerauschen unter.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Mir wird ganz anders. Mein Gang wird h\u00f6lzern. Welche Leichen denn, um Himmelswillen?!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Doch dann f\u00e4llt zum Gl\u00fcck bald der Groschen. Er meint: \u201eDie laichen&#8230;\u201c. Es scheint hier um Fische oder Amphibien zu gehen, und der junge Mann ist vermutlich ein Umweltsch\u00fctzer oder sonstwie Naturbeobachter. Puh! Wie schnell das Karussell im Kopf doch lossausen kann!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die n\u00e4chste Viertelstunde gehe ich ruhig und in Gedanken. Aus Satzfetzen bilden sich Ketten, alles sucht sich seinen Platz. Ich lausche auf die Ger\u00e4usche um mich herum: ei-<br \/>ne emp\u00f6rte Ente, ein ferner Zug, das letzte Abschiedsrauschen der Bl\u00e4tter, bevor sie zu Boden fallen und stumm werden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Als ich mit meiner Runde fast fertig bin, sich in mir manches sortiert hat, f\u00e4llt mir auf, dass ich immer wieder versuche, mal andere V\u00f6gel zu entdecken als Meisen, Gr\u00fcnlinge, Kr\u00e4hen, Elstern und Amseln. Als w\u00e4ren die einen interessanter als die anderen. Dabei sieht man manche Arten eben blo\u00df <em>so<\/em> oft, dass sie sowas wie \u201eInventarv\u00f6gel\u201c werden. Die stehen wie selbstverst\u00e4ndlich und zuverl\u00e4ssig in fast jeder Landschaft herum.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><a title=\"meine_Runde_Inventarkr\u00e4he\" href=\"#\"><img src=\"http:\/\/theobromina.de\/100prozentig-selbst-erlebt\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/2928161_275a4d7bee_m.jpeg\" alt=\"meine_Runde_Inventarkr\u00e4he\" hspace=\"5\" vspace=\"5\"><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">W\u00e4hrend ich das so denke, fliegt eine Elster keckernd \u00fcber mich weg. Sicher bin ich mir nicht, aber vielleicht hat sie ja gedacht: <em>Noch so\u2019n &#8222;Inventarmensch&#8220;. Ich m\u00f6cht\u2019 hier ei-<br \/>gentlich auch mal wieder pr\u00e4chtigen \u2019nen Eskimo sehen&#8230;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute habe ich was gemacht, was ich bestimmt schon ein halbes Jahr nicht mehr gemacht habe. 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