Jetzt ist Frühling. Basta.

Ihr lieben Kastanienbeweger,

kann es eventuell sein, dass diese Zeilen ein kleines bisschen krumm sind? Ich habe nämlich einen kleinen Schwips, weil ich den Sekt eben ganz schön fix heruntergestürzt habe. Weil’s ja doch überrraschend frisch war, das war nicht so ganz vorgesehen, geb‘ ich ja zu. – Hat’s bei Euch gestern auch noch mal geschneit? Ich dachte ja schon, ich guck‘ nicht richtig! Also, in Hannover hätte ich das ja halbwegs normal gefunden, da ist man Winterwetter eher gewöhnt. aber im Ruhrgebiet schneit es eigentlich selten (und wenn, dann auch nicht viel). Jedenfalls im Vergleich. Aber wenn, dann rasten alle aus und steigen sofort in ihre Autos und Bahnen, um noch schnell nach Hause zu kommen, bevor der ganze Fahrbetrieb zusammenbricht. Das ist für mich als Zugewanderte ganz amüsant zu begucken. Letztes Jahr z.B. ist das ganze Kollegium mal zwei Stunden früher in den Feierabend gegangen, weil es wahnsinnige 7-8 cm Neuschnee gab, der sich natürlich sofort in Matsch verwandelt hat. Alle redeten aufgeregt durcheinander, zeigten aus dem Fenster, hatten Angst, nie mehr nach Hause zu kommen, und prompt gab’s Riesenstaus überall und so. Ich bin dann übrigens einfach mit’m Fahrrad nach Hause… (Hier ein kleines Grinsen einfügen.)

Gehen wir jedenfalls mal frech davon aus, dass das momentan hoffentlich nur ein letztes Aufbäumen des Winters ist, ne? Schließlich haben wir heute um 12:00 Uhr den Frühling gemacht! Und zwar unumstößlich. Finde ich. Beschlossene Sache und so. Reicht jetzt ja auch mit kalt, dunkel, nass und zugig. Gegen Mittag stapfen der Liebste und ich denn auch durch’s Wäldchen auf dem Duisburger Kaiserberg, mit Sektgläsern, Piccolo und Kastanien im Gepäck. (In diesem Wäldchen haben wir übrigens im vergangenen Sommer reichlich Beute an dicken, saftigen Brombeeren gemacht, aus denen ich direkt ein knappes Dutzend Gläser leckersten Gelees gebraut habe, das uns regelmäßig Frühstücke und Pfannkuchenschlachten versüßt. Oder heißt es „verfruchtet“?)


Der Beweis: Die Natur hat nicht etwa vergessen, wie’s geht und möchte demnächst mal expodieren.


Diesjährige Abwurfschanze auf dem Kaiserberg.


Alles parat. Nur der Liebste dreht noch eine Runde um die Wiese, damit die Füße weiterhin durchblutet werden. Deshalb erstmal nur eine Kastanie im Bild. Aaaber:


…da kommt die zweite dazu! Jetzt sind es nur noch wenige Minuten bis zum Startschuss.

Um kurz vor zwölf werden wir ganz still und die lieben Wintertaschenbegleitbollen noch einmal liebevoll betrachtet, bestreichelt, glatt gerieben und mit stillem/gemurmelten Dank für die letzten Monate bedacht. Unsere Kastanien sind ja diesmal aus Veere/Zeeland und bekommen daher zusätzlich ein inniges „Dank u well“ zugehaucht. Und dann ist es schon 12:00 Uhr, es gibt einen ordentlich kräftigen Schwung und sie verlassen uns in die Freiheit. Hurra! Frühling! Darauf einen dicken Schluck Sekt, natürlich nicht, ohne vorher in alle Himmelsrichtungen allen anderen Werfern zuzuprosten. Und dann halt gleich noch einen, wir wollen ja schnell wieder ins Warme.

Schwupps, sind die Gläser halbleer, der Winter aus und wir ganz herzgewärmt in dem Wissen, dass da jetzt an vielen Orten Kastanien geflogen sind und Ihr auch alle gerade so dasteht und Euch auf den Frühling freut. Mit dem letzten Schluck im Glas trotten wir schon den Weg zum Auto herab, denn zuhause warten heißer Tee und Bloggerät. – Frühling? Kannst kommen. Wir sind dann nämlich soweit.

Wie war’s denn bei Euch?

Bunt sprießende Grüße
Eure Theo

 

Eure Wurfberichte:

 

Ihr wollt Frühling? Dann machen wir Frühling!

Liebe Kastanienfreunde,

war das nicht kalt in den letzten Wochen? Brrrr! Ich meine, klar, ist Winter und so. Aber musste das sein, nach ein paar Monaten Wischwaschiwinter mit Matschetemperaturen und gelegentlichem, halbgaren Herumgeschneie jetzt noch mal so eisige Tage mit schneidigem Wind durch alle Klamottenlücken? – Nee, das hätte ich nicht mehr gebraucht. Und ihr vermutlich auch nicht, oder?

Immerhin wird es schon einigen Tagen freundlicher, am kommenden Wochenende soll es sogar regelrecht warm werden! Dann lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte frech: Die Natur, die bisher nur schüchtern ein paar bunte Krokus- und Narzissensprossen zeigt, wird demnächst so richtig ausflippen.

Und wir mit!

Am Sonntag, 18.03. um 12:00 Uhr

fliegen deshalb die Kastanien. Ja. So.

Ihr habt jetzt noch ein paar Tage Zeit, Euch von Eurer treuen Taschenbegleitung zu verabschieden, Wurftechniken auszufeilen und womöglich Piccolos zu besorgen, und dann will ich Euch übernächsten Sonntag alle draußen wissen!

Wir „sehen“ uns dann. – Hach, ich freu mich.

Vorfreudige, sonnige, achwas: bunte! Grüße
Eure Theo

Na, endlich! Kastanienbewegung 2017/18

Ihr Lieben,

mein Leben ist turbulent. Andauernd passiert was. Oder noch was. Und dann halt noch was.
Und zwar immer, wenn ich denke: Ach, so ’ne kleine, ruhige Phase wäre jetzt mal ganz schön… Ja, Pustekuchen. *seufz*

Aber, was auch passiert, besonders draußen, und nicht mehr zu übersehen ist: Es wird Herbst. Besonders den Duisburger Kastanienbäumen sieht man das an, und zwar schon seit Juli oder so, die haben nämlich ganz braune Blätter. Ich vermute, dass da wohl diese olle Miniermotte dran rumknabbert. Die will natürlich auch leben, aber: Die armen Blätter! Ich hoffe mal, dass die Bäume sich im nächsten Jahr vielleicht wieder berappeln können.

Den Kastanien in Veere/Zeeland (also in den Niederlanden) geht’s da noch etwas besser und deshalb sind wir letzte Woche Freitag auch extra da hingefahren, um eine besonders schöne Winterbegleiterin zu finden! Jetzt liest sich das natürlich so, als wären wir nur aus Kastaniengründen mal eben zweieinhalb Stunden herumgebrettert und dann wieder den ganzen Weg zurück, wir gemeinen, verantwortungslosen Umweltschweinchen! Deswegen will ich mal lieber gleich dazusagen, dass wir ja sowieso für eine Woche in Domburg waren, um u.a. ordentlich stürmische Herbstnächte in unserem geliebten Strandhäuschen zu verleben. (Wer sich jetzt auskennt, weiß, dass beide Orte nur ca. 20 min auseinander liegen.) Tagsüber konnte man sich übrigens prima sandstrahlen lassen, aber nur, wenn man wollte. Ich wollte oft lieber drinnen sitzen und die allerleckersten Pralinen naschen, die hatten wir noch schnell auf dem Hinweg in Antwerpen besorgt. Und wenn die Sonne rauskam, wurde es auch gleich so schön, dass man gar nicht wieder reinwollte. (Die Sonne hatten hauptsächlich A. und C. im Gepäck, liebe Freunde, die uns dort für 1-2 Tage kurzbesuchten. Wer also trotz schlechter Voraussage schönes Wetter im Urlaub brauchen kann, sollet die Beiden dazubuchen. Den Kontakt kann ich bei Bedarf übrigens gern herstellen.)

Und am letzten Urlaubstag fuhren wir halt nach dem Aufräumen und Verabschieden -wie immer- noch mal kurz nach Veere, zum Herumspazieren und Teetrinken und so. Und diesmal hatte dieser süße, kleine Fischerort eben auch noch zwei frisch geschlüpfte Kastanien für uns. Inzwischen ist das auch schon wieder eine gute Woche her, weshalb ist meine Bolle auch schon leichter und etwas schlanker geworden ist, aber sie schmeichelt der Hand in der Tasche wie sie soll und ist mir schon richtig ans Herz gewachsen.

Da nun eigentlich alle, die hier mitlesen, die Kastanienbewegung schon seit Jahren kennen, spare ich mir in diesem Jahr eine ausführliche Gebrauchsanweisung. Wer mag, kann sich unter dem tag Kastanienbewegung ein bisschen einlesen, da finden sich alle alten Beiträge aus den (immerhin 10!) Voraktionen der letzten Jahre. Nur so viel: Die Kastanienbewegung wird traditionell gemeinschaftlich angewendet gegen Herbst-/Winterblues. Dass Viele jedes Jahr mitmachen, hilft ungemein, und das gemeinsame „Freilassen“ der kleinen Taschenbewohnerin im Frühjahr macht jedes Mal gute Laune und warme Füße. (Also, das mit der guten Laune  kann ich zumindest garantieren!)

Macht also einfach wieder mit und kommentiert mir auch bitte wieder fleißig, wo ich Eure Blogeinträge o.ä. finden kann, dann kann ich das alles schön verlinken. (Wer keinen Blog hat, lässt vielleicht wenigstens einen Kommentar da und macht mir damit eine kleine Freude.)

Also, ich freue mich auf Euch und eure Winterbegleiterinnen!

Blätterrauschende Grüße
Eure Theo

Teilnehmer (bis dato):

Da isser, der Frühling! (Man sieht’s heute noch nicht so richtig, aber…, doch…, – ganz bestimmt!)

Ihr lieben Kastanienfreunde,

– wie war’s?!?

Hier im Ruhrgebiet ist heute ein wenig unfreundlicher Himmel, alles ist ein bisschen zu grau, aber immerhin (vorübergehend) trocken. Wir sind vorhin gegen 11:00 Uhr losgezogen, Richtung Duisburger Stadtforst. Dort ist es gerade windig, matschig und durchnässt, aber das sollte uns nicht schrecken. Auch die Blättchen tun was sie sollen, nämlich das Licht suchen.

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Heimlich, still und leise bereitet sich die Natur darauf vor, demnächst mal so richtig zu explodieren. Feuerwerk und so.

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Auf dem Weg zur Abwurfstelle halte ich übrigens Ausschau nach kräftigen, herabgefallenen Ästen, die ich für meinen Balkon(!!!) gebrauchen kann. (Ich habe nämlich zum ersten Mal einen und bin ganz aufgeregt!) Was ich damit will? Ach, das zeige ich Euch bald, wenn es soweit ist… Erstmal muss ja der Frühling gestartet werden, sonst nützt einem auch der netteste Balkon nüscht. Als wir zur Wiese kommen, an deren Rand wir werfen werden, machen wir’s wie immer: Erstmal Sekt einschenken, Kastanie aus der Tasche befreien, sie ein letztes Mal gründlich befühlen und versonnen betrachten.

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Nebenbei immer der Blick auf die Uhr. Noch drei Minuten. Wir überlegen zusammen, wer jetzt wohl gerade ebenfalls irgendwo in der Budnik steht und auf den Moment wartet. Ich sage der kleinen, glattgestreichelten Bolle noch mal herzlich „Danke.“ und denke kurz zurück an die letzten Monate. Aber wirklich nur kurz, denn jetzt wird es gerade 12:00 Uhr und ich zähle: „Dreeeeiiii – zweeeiii – eiiiins – looos!!!“ – Und da fliegen sie, hurra! (Hab‘ ich da etwa zwei kleine, leise Juchzer gehört?) Frühling is‘! Wir haben’s geschafft. Weiter weg vom nächsten Winter könnten wir gerade nicht sein. Ein schöner Moment. Wir stoßen an, nehmen einen guten Schluck und Zufriedenheit breitet sich aus, dann proste ich noch in alle Richtungen allen Kastanienmitwerfern zu und nehme direkt zwei-drei Schlucke hinterher. Prost Frühling, Ihr Lieben!

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Da irgendwo liegen sie, die Beiden, und schmieden vielleicht Pläne für die neue Freiheit: Einmal um die um die ganze Welt rollen? Dann eine Baumschule in Norwegen gründen? Oder lieber ab nach Spanien, ’n paar feurige Castagnettos kennenlernen? Oder doch erstmal gemütlich liegen bleiben und den Rotkehlchen zuhören? Und vielleicht kommt ja doch noch die Sonne raus?

Der Liebste und ich jedenfalls sammeln still Sektgläser, Täschchen, Äste und Zeug ein und machen uns wieder auf den Weg, zurück ins Warme. Das hier draußen, das dauert noch ein bisschen, aber nicht mehr lange… Versprochen. Und damit war’s das mit:

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Danke & Wie schön, dass Ihr wieder mitgemacht habt! Das wärmt mein Herz.

Blattspitzengrüne Grüße
Eure Theo

Los geht’s! Wir machen den Frühling.

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Na, was meint Ihr, Ihr lieben Kastanienfreunde?

– So langsam wird’s doch, oder? Seid Ihr schon kribbelig?

Hier im Ruhrgebiet, wo ich ja jetzt bald seit einem Jahr lebe, sprießen die ersten zartgrünen Blättchen und zwinkern unübersehbar von den Zweigen. (Und wir wissen ja: Krokus und Narzisse gelten uns nicht, wir wollen echtes Blättchengrün!) In Berlin oder noch weiter östlich geht es wahrscheinlich etwas zaghafter zu, denn dort ist es meist deutlich kühler, doch auch dorthin wird’s das freundliche Grün bald wehen, bestimmt!

Und damit wird es allmählich Zeit für unseren kollektiven Kastanienwurf, der die diesjährige Bewegung krönend abschließt! YEAH! Als unseren „magischen Moment“ habe ich ausgewählt:

Sonntag, den 19.03./12:00 Uhr

Ihr wisst ja, wie es geht: Schnappt Euch den ollen Mantel mit der lieben Winterbegleitertaschenbolle und geht rechtzeitig nach draußen. Mit etwas Glück haben wir sogar schönes Spaziergangwetter… Mal gucken. Gegen kurz vor zwölf jedenfalls solltet Ihr einen guten Kastanienwurfort aufgesucht haben. Schaut Euch Eure Kastanie noch mal an und bedankt Euch artig für die reizende Begleitung durch manch olle, fisselige, graue, doofe, dunkle, kalte und windige Zeit der letzten Monate. Seid gewiss, es stehen zur selben Zeit alle Kastanienbeweger irgendwo draußen und tun dasselbe. (Wer mag, macht sich an dieser Stelle einen Piccolo auf. Also, ich mach’s. Und ich werde Euch in alle Richtungen zuprosten.) Und um punkt 12:00 Uhr holen wir kräftig aus und werfen die Kastanie fort, so weit es geht! Und mit Ihr den Winter, hurra! Die kleine Handschmeichlerin loszulassen fällt zwar nicht immer leicht, man kennt ja inzwischen jede ihrer kleinen Dellen und fürchtet, sie danach in der Tasche zu vermissen, aber: Früüühling! wird dann sein, allüberall. (Also, wenn das Geprassel der weltweit fallenden Kastanien verklungen ist.) Die Farben kommen bald zurück, das Licht, die Wärme… Hach, ich freu‘ mich auf diesen Moment mit Euch und werde hier natürlich direkt im Anschluss ein bisschen berichten. – Bis dann!

Liebfeinste Grüße
Eure Theo

PS: Wie war Euer Winter eigentlich? Für mich war er nur dunkel und kalt, aber eigentlich nicht besonders winterlich. Ich war merkwürdig abwesend, vielleicht weil ich mich hier in der neuen Wohnung und so erst noch richtig einfinden muss. Es wird aber. Schnee habe ich übrigens nur einmal gesehen, ausgerechnet an dem Tag (11.02), als wir von Düsseldorf aus mal eine Woche nach Palma de Mallorca fliegen wollten. Natürlich haben die unfassbaren Schneemassen (3 cm *hüstel*) gleich mal Chaos ausgelöst und alles um eine gute Stunde verzögert wegen der nötigen Flugzeugenteisung. Später, als wir abends bei Tapas draußen saßen, war uns das aber schon wieder ganz egal.

Kleine Geste, große Wirkung.

In einem seiner Bücher („Guten Tach. Auf Wiedersehn“) hat Helge Schneider mal eine kleine Szene beschrieben, in der er während eines Auftritts quasi in Zeitlupe ziemlich lustig zu Boden geht. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich da jetzt drauf komme, eigentlich wollte ich nur mal eben erzählen, wie bei mir dieses Jahr die Vorweihnachtszeit so läuft. Gestern z.B. wollte ich bloß ein bisschen Weihnachtspost erledigen. Schon die Voraussetzungen waren aber irgendwie ungünstig: Mich drückte die Zeit. Seit einigen Jahren schicke ich spätestens eine Woche vor Weihnachten ein paar Päckchen mit kleinen „Ich denk‘ an Dich“s an ein paar Leute, die fern von mir sind, sich aber nicht so anfühlen. Mein Väterchen bekommt eins, ein paar liebe Blogfreunde bekommen eins und die zauberhafte Freundin T. sollte diesmal ebenfalls was kriegen, denn durch meinen Umzug sehen wir uns leider nur noch sehr selten. Freundlichweise bekomme auch ich zu Weihnachten immer wieder sehr liebe Post und weiß daher, wie herzerwärmend das ist.

Eine Hauptzutat meiner Päckchen ist immer ein bisschen selbstgemachtes Genasche: Gebackenes, Marmeladiges und/oder Schokoliertes. Normalerweise kriege ich es auch in der ersten Dezemberhälfte hin, dass sich nach 2-3 mal Backen und Werkeln die Blechdosen allmählich füllen mit Kipferln, Zitronen-Marzipan-Plätzchen, Mandelbergen, „Karierten“ Keksen, Pralinchen, oder Toffees. Mir macht das ja auch total Spaß, aber es braucht eben Zeit. Und die hatte ich in diesem Jahr nicht. Im Job ist seit drei Wochen Land unter, weil die halbe Belegschaft krank ist und die andere Hälfte sich als Notbesetzung so durchschnorchelt. Ratet mal kurz, zu welcher Hälfte ich gehöre… Aber nicht schummeln! Der Liebste ist ebenfalls gerade mächtig ausgelastet mit bockiger Technik, überbordendem Auftragsaufkommen und sonstigen Katastophen. Abends schleppen wir uns also mal mehr, mal weniger gemeinsam vom Esstisch zur Couch zum Bett zur Arbeit. Da müssen wir durch. Das heißt aber u.a.: Für die Freunde des Hauses gibt’s in diesem Jahr leider keine selbstgestaltete Weihnachtskarte von uns! (Dabei hatten wir sogar ein-zwei ganz gute Ideen, die nun eben bis zur nächsten Gelegenheit warten müssen.) Ham’wa nich‘ geschafft… Wir sind betrübt, aber gefasst. – Nächstes Jahr wieder!

Doch wenigstens die Päckchen müssen sein!

Also habe ich Freitag extra etwas früher Schluss gemacht, bin in die Stadt gejagt, Kleinigkeiten und noch ein paar Zutaten besorgen, und habe dann bei der Post einen Schlag bekommen, als ich die Warteschlange sah: Also, wenn man bis auf die Straße und fast bis gegenüber ins Café Dobbelstein steht, nur um ein paar mittelkleine Packsets zu bezahlen, dann ist das vielleicht ganz toll, weil man sich gleich noch ein leckeres Stück Torte dazubestellen kann, aber ich hatte es ja eilig. „Bestimmt haste zuhause noch ausreichend Kartonage, das wird schon.“, dachte ich und drehte bei. Leider dachte ich nicht daran, dass ich diesmal ja gar auch keine Weihnachtskarten hatte (s.o.). Das sollte mir erst später wieder einfallen… Zuhause angekommen, suchte ich erstmal geeignete Kartons zusammen. Dass ich den jeweiligen Inhalt erstmal dafür im Arbeitszimmer ausleeren musste, machte ja nix. Wozu hat so ein Zimmer schließlich blickdichte Türen? Bald darauf glühte jedenfalls in der Küche der Backofen, rösteten obendrüber Mandelblättchen und schmolz Schokolade… -Wusstet Ihr übrigens, dass Hagelzucker auf dem Boden fast genauso schön knirscht wie verharschter Schnee, wenn man so drüber läuft? Also, falls jemand größere Mengen Puderzucker braucht…

Am späten Abend hatte ich dann ein bisschen was gebacken, eingewickelt, vertütet, foliert, erst in Grüppchen auf dem Teppich ausgebreitet und danach in den teilweise etwas übergroßen Kartons arrangiert, mithilfe von reichlich Füllpapier. Von der Anmutung wirkte das irgendwie ungewollt sparsamer als sonst, aber der Gedanke zählt. (Das Wohnzimmer sah vielleicht aus! Passte aber sehr gut zur Küche. Durchgängige Gestaltung.) Tja, aber jetzt kam: Und wo schreibe ich nun die Weihnachtsgrüße rein? Äh. Hmpf. Uff.

Ach, erstmal schlafen…

Gestern morgen stand ich schon wieder gegen halb sieben vorm Schreibtisch. Ich wollte so kleine Weihnachtsbriefe am Rechner gestalten und schreiben. Die Idee! Schnell ausgedruckt und fertig! (Man ahnt schon: Von wegen. Aus meiner Zeit in der Grafik weiß ich nämlich noch: Schnell-mal-eben-Ausdrucken dauert mindestens zwei Stunden!) Und was was soll ich sagen? Ich hatte rasch ein schönes Motiv für einen Brief, schrieb den ersten für meinen Vater (was dann ein bisschen dauerte, weil der Arme schon wieder länger nichts von mir gehört hat), wollte ihn drucken, und…

>ping!<

Der Drucker legt sich hin und will nicht mehr. Er kann mittenmal nur noch Photoschwarz, die anderen vier Patronen  sind mal eben Milch holen. Meine Nerven liegen blank. Schwarz-weiße Weihnachtsbriefe aus dem Drucker erfüllen gleich mal alle Qualitätskriterien nicht! Es ist schon acht Uhr durch, ich bin ungeduscht, habe noch mindestens drei Briefe zu schreiben, um zehn machen die Postschalter auf, und ich will nicht die sein, die weit weg davon vorm Kuchentresen stehen muss! Da sind doch noch diese Auffülldinger und Spritzen… Wo hab‘ ich die hin…? Ach, da… – Keine halbe Stunde später bin ich von oben bis unten mit schwarzer Tinte vollgesaut, fluche wie ein Buntspecht, bebe vor Wut und ziehe meterweise Küchenkrepp hinter mir her. Die Tischplatte und alles, was darauf ist, verschwindet fast unter Sprenkeln. – Wenn mich heute jemand fragt sollte, ob ich Punkte sammel‘, raste ich aber aus! Ich beiße in meinen Unteram, um nicht einfach loszubrüllen, denn ich wohne hier erst sieben Wochen, und was sollen schließlich die Nachbarn denken, wen sie sich da ins Haus geholt haben? (Immerhin habe ich selbst auf einem „ruhigen Haus“ als Grundbedingung bestanden.) Statt jetzt den Drucker und alles Umstehende aus dem Fenster zu werfen, versuche ich, ruhig zu bleiben und die aufgefüllten Patronen wieder einzusetzen. Drucktest. Drucktest. Langsam wird auch das Papier knapp. Der Drucker druckt jetzt immerhin nicht mehr schwarz. Er druckt gar nichts mehr. Die 14. Intensivreinigung aktiviert irgendwann cyan und gelb, aber das reicht mir nicht. Ich bin ein verwöhntes Biest und möchte anständige Weihnachtsgrüße oder gar keine! Es ist kurz vor zehn. Eine Entscheidung muss her. Mit letzter Kraft und kilometerweise Klebeband versiegele ich die Päckchen, schreibe zitternd darauf „Weihnachtskarte kommt separat!“, packe sie in große Tragetaschen und rufe meinen Mann an. Eigentlich wollten wir uns gleich entspannt in der Stadt treffen, jetzt muss er mich erstmal beruhigen und trösten, ich fühle mich nahezu reif für die Station. Wir beschließen, dass ich jetzt erstmal heiß duschen gehe, dann später beim Losgehen eine Nachricht schicke, und er mir bei der Post beisteht. Wir treffen uns dort. Nicht, dass ich noch aus Versehen zur Axtmörderin werde.

Die Dusche funktioniert immerhin, doch die Tintenflecken wollen nicht ganz abgehen. Wenigstens hat das Gesicht nix abgekriegt. Echt Glück im Unglück, haha. Ich ziehe mich an, ignoriere das  Chaos um mich herum, packe mein Zeug und marschiere zur Post. Und die Post ist voll. Sehr voll. Vor mir in der Schlange ein junger Mann in Lederblouson und Jogginghose, dazwischen jede Menge bloßer, haariger unterer Rücken. Ich konzentriere mich auf seine Schultern. Hinter mir ein älterer Herr, der erstaunlich viele Knietschgeräusche aus seinem Kaugummi rauszuholen versteht. Ich schaff‘ das. Mein Mann kommt gleich. Ich schaff‘ das. Mein Mann kommt gleich. Die Schalterjungs sind zu Plauereien aufgelegt. Meine Taschen schiebe ich mit dem Fuß zentimeterweise voran. Schon 20 Minuten. Der Blouson vor mir ist dran und beugt sich zutraulich über den Tresen. Gleich werde ich erblinden. Auch schon egal. Ich schaff‘ das. Mein Mann… Der Kaugummimann wird immer nervöser, schiebt sich näher an mich, neben mein Ohr. Ich möchte jetzt gern eine Ohnmacht vortäuschen.

– Ach, bin ich dran? Der Schaltermann fragt, ob der Inhalt meiner Päckchenlawine denn wertvoll sei. Grimmig antworte ich: „Sie können nicht ermessen, wie!“ – „Dann behalte ich die lieber gleich hier, höhö!“ Er zwinkert mich voll, donnert gut gelaunt alle möglichen Sticker drauf, nimmt mir eine Menge Geld ab und schenkt mir dafür einen schäbigen Zettel. Das wars.

Plötzlich bin ich frei.

Als ich mit halb zugekniffenen Augen wieder an die süße, frische Luft trete, kommt da gerade mein besorgt blickender Mann angelaufen.
Wir gehen frühstücken. Im Dobbelstein.
Und später auch noch Weihnachtskarten kaufen. Die kommen separat.

Feuchte Witterung in der Parallelwelt.

Meine Güte! Jetzt ist das auch schon wieder zwei Monate her! Irgendwie stolpere ich mir selbst nur noch hinterher… *grummel*

Also. Seit zwei Monaten neue Heimat Duisburg. Neuer Job, neue nette Kollegen, neuer Stress. Ich glaube wirklich langsam, es gibt gar keine Jobs mehr, in denen man „normal“ arbeiten kann. Es gibt nur noch solche, in denen man jede einzelne Minute grob entrissen oder säuberlich zubetoniert kriegt. Überall, wo irgendein „Controlling“ schon mal war, zieht es eine Schneise der Erschöpfung hinter sich her. Früher durfte es im Wechsel turbulente und ruhigere Arbeitsphasen geben, heute gibt’s nur noch Hetze und Optimierungssystemwahn. Erholungspausen sind was für Weicheier. Wer heutzutage arbeiten gehen muss, hat ‚hard boiled‘ zu sein! – Ein Ergebnis: Übervolle Lottobuden… Ich hab‘ ja beim Lotto leider so gar kein Glück, das nur nebenbei, male mir aber gern aus: Was-wäre-wenn. So wie alle. Und danach geh‘ ich wieder malochen. (Immerhin mal für halbwegs vernünftiges Gehalt, das kenne ich schließlich auch ganz anders. – Aber ich brauch ja auch nix. In meinem Alter hat man ja schon alles…)

Was die Ankommerei in der neuen Stadt angeht, kann ich noch gar nicht viel mehr sagen als neulich. Das große Heimweh hat mich glücklicherweise bisher nicht gepackt, aber mal gucken wie das wird, wenn ich demnächst für ein kurzes Seminar nach Hannover reisen werde. Hauptsächlich sehe ich dann dort die ehemaligen Kollegen wieder, obwohl mir ein-zwei von denen mal lieber nicht im Dunklen begegnen sollten. Für Freunde, die Stadt und komische Gefühle wird allerdings kaum Zeit sein. Dabei wollte ich eigentlich sowieso erst wieder nach Hannover, wenn sich aus mir selbst das Bedürfnis danach meldet. (Ich bin schließlich kein lustiger Comicschwamm und deshalb auch nicht immer von Natur aus zu allem „bereit!!!“ Aber ich hab‘ ja auch keine fünfeckigen Freunde.) Könnte aber Nachwehen geben.

Wahrscheinlich denke ich aber schon wieder zu viel. Das bekomme ich immer wieder mal zu hören: „Du denkst einfach zu viel!“ – Ja, geht das denn???

Ich bin gern bereit zuzugeben, dass ich mir oft einen Kopp um noch Ungeschehenes mache. So fühle ich mich irgendwie vorbereiteter, wenn der Fall dann eintritt und habe ihn schon mal von allen Seiten geistig betastet. Ich finde das nützlich und bilde mir ein, es hilft mir, ein gewisses Sicherheitsgefühl zu erzeugen. Vielleicht ist das aber auch totaler Quatsch und macht mich bloß marode in der Birne. Pffft! Zumindest scheint es wohl so zu sein, dass Frauen deutlich mehr und komplexer über ihre Lebensituation und soziale Zusammenhänge grübeln als Männer. Das hört nämlich offenbar auf, wenn geborene Frauen sich auf medizinischem Wege zu Männern umgestalten. Man liest das immer wieder. Mit dem Absinken des Östrogens und dem Ansteigen des Testosterons schrumpft das Chaos im Kopf auf wesentlich übersichtlicheres Maß zusammen und wird (stark vereinfacht) zu: „Joh.“ oder „Nö.“ – Also, ich finde das faszinierend! (Und es bestätigt übrigens ALLE meine ganz unwissenschaftlichen Beobachtungen, jawoll. ) Und es versöhnt mich ein wenig mit mir selbst.

Übrigens regnet es gerade mal wieder. Das erinnert mich daran, dass es in den ersten Wochen meiner Duisburgschaft quasi nur geschüttet hat. Weltuntergang, jeden Tag. NRW ist ständig abgesoffen. Passte ausgezeichnet zu meiner surrealen Stimmung, versehentlich in eine fremde Handlung geraten zu sein. Aus der Heimat wegzugehen, ist ja schon komisch: Man macht alles wie sonst, trotzdem ist alles anders, wie spiegelverkehrt oder in einer ulkigen Sprache. Und man selbst ist auch anders, weil der gewohnte Kontext fehlt. Diese Gefühl dauert übrigens an und wird es auch sicher noch eine ganze Weile. Zumindest aber wache ich nachts schon nicht mehr auf und denke, ich fahre bald wieder „nach Hause“.  „Nach Hause“ scheint gerade gar nicht so recht zu existieren, anstelle dessen nur ein Alltagszustand, der sich hoffentlich irgendwann verpuppen und als freundlich-vertrauter „Ich fühl‘ mich allmählich wieder angekommen“-Schmetterling leise wieder hervorkrabbelt. – Na, auf den ersten Flügelschlag freue ich mich schon!

Bis dahin geh‘ ich einfach mal Kartoffeln schälen.
Der Liebste kommt gleich, es ist Dienstag und ich bin ganz profan mit Essenkochen dran…