Freunde bleiben

Eben, direkt nach dem Aufstehen, habe ich mein Profil gelöscht. Das klingt jetzt fast ein bisschen wie eine Umschreibung für „Ich habe ein Bier getrunken“. Aber das Bier habe ich ja schon gestern Abend getrunken, weil das brauchte ich, um schlafen zu können. Wie das eben manchmal so ist.

Das Profil, das ich gelöscht habe, war eins bei einem Anbieter für Schulfreunde-Wiederfin-
derei. Da hatte ich mich vor zwei Jahren oder so mal angemeldet, in der Hoffnung, eine bestimmte Freundin wieder zu finden, an die ich oft denke, von der ich aber nicht weiß, wo sie jetzt wohl steckt. Doch leider tauchte I. in diesen zwei Jahren kein bisschen in den Verzeichnissen auf. Auch sonst keiner der früheren Freunde, zu denen der Kontakt mal abbrach, und die ich vermisse. Stattdessen wurde ich immer öfter von Leuten angemailt, mit denen ich damals in der Schule überhaupt nichts zu tun hatte (teilweise mit voller Absicht) und die jetzt mit mir rührselig oder albern werden wollten.

Gebaggert wurde übrigens auch ganz munter. Naja, ich bin jetzt in ’nem Alter, wo sich viele Leute gerade wieder scheiden lassen oder sich in ihren abgezirkelten Ehen fast zu Tode langweilen…

Der einzige ehemalige Mitschüler, mit dem ich mir längere mails schrieb, war einer, mit dem ich damals vermutlich nie ein einziges Wort gewechselt habe, weil wir beide ziem-
liche Außenseiter waren.

Im letzten Herbst war dann sogar ein Klassentreffen anberaumt, aber da bin ich nicht hin-
gegangen. Ich bin doch nicht bescheuert! Ich hab’ die Schule nämlich gehasst und sie nur wegen I. überhaupt durchgestanden. Und dann den ganzen Abend lustige Anekdoten zu hören und Familienfotos von Leuten zu begucken, deren Namen mir aus gutem Grund nicht mehr einfallen, wollte mich nicht locken. Ich hatte damals auch keinen Schwarm in der Klasse, der jetzt vielleicht durch Wampe und Halbglatze Erleichterung in mir auslösen könnte darüber, dass ich ihn mir damals nicht gefügig machen konnte. Und Doppelhaus-
hälften sind sowieso nicht meins. Ich finde, das klingt immer, als würden die gleich in zwei Teile auseinanderklappen, während man beim Abendessen sitzt.

In letzter Zeit muss jedenfalls diese Plattform geboomt haben, denn ich wurde in immer kürzeren Abständen von Leuten in die Kontaktliste aufgenommen, die ich dort nie und nimmer vermutet hätte. Es gibt da zum Beispiel einen ehemaligen Punk, der früher ein sehr guter Freund meines damaligen Liebsten G. war. Wir kennen uns alle noch vom Dorf und so. Ich sehe ihn manchmal hier in Linden oder auf dem Flohmarkt, wir sagen uns aber nicht mal „Hallo“… Und neulich finde ich mich plötzlich in seinen Kontakten wieder. Spießer, der.

Der ausschlaggebende Schubs war jetzt aber, dass mich vor einigen Tagen tatsächlich Jemand in diese Liste gesammelt hatte, mit dem ich eigentlich nicht mehr rede, weil ich nicht wüsste worüber, und bei dem ich nur noch lächelnd abwinke. Ich bin ja eigentlich immer sehr bemüht, mit Allen gut klar zu kommen, sogar mit Exlieben. Freund M.* ist da ja das beste Beispiel, mit dem kann man sowas aber auch. Bei J. aber ist da nicht nur Hopfen und Malz verloren, sondern auch noch das Brauwasser, das Fass, der Gersten-
bauer und seine ganze Familie. Und die Verwandten. Und deren Haustiere. Und die hustenden Flöhe von denen. Und der Staub auf den Haaren von den Flöhen. – Ich könnte ewig so weitermachen…

Da hab’ ich gemerkt, dass meine Vergangenheit zum überwiegenden Teil eigentlich ganz gut da liegt, wo sie liegt. Hinter mir. Und dass man nicht alles mitmachen muss, nur weil es geht. Entweder bleiben Freundschaften von allein erhalten, oder man begegnet sich so irgendwann wieder.

Nachteil: Dann steht meistens der Name nicht dran.

 

* (Übrigens Nachtrag zu „Könn’se ma eben.“: M. sagte mir gestern, er wäscht seinen Wäschekorb übrigens ständig leer! Das liegt aber natürlich daran, dass seine Wäscheteile auch alle gleich behandelt werden, – geradezu Wäschekommunismus ist das! Alles kommt zusammen und dann gibt’s 45°C, feddich! Er trägt allerdings auch nur Schwarz, Grau, Dunkelblau und so.)

11 thoughts on “Freunde bleiben

  1. Schade, dass solche Plattform von gewissen Leuten missbraucht werden. Die Grundidee ist gut. Ich bin auch in einer solchen Plattform in der Schweiz, bekam aber eine Meldungen. Unsere Schulklasse ist auf der ganze Welt verteilt…

    poc

    • Ich habe noch vor ein paar Tagen in der ’neon‘ gelesen, dass die Welt durch das Internet ein globales Dorf geworden ist, aus dem Keiner mehr auszieht. Gerade durch solche Dienste wird das verstärkt (stayfr*ends, stud*vz, faceb**k). Man gibt immer mehr kleine Stücke von sich ins Netz, und die bleiben da auf ewig. Man ist also auch ständig verfügbar oder einsehbar, wenn man nicht aufpasst. Und das ersetzt mitunter sogar richtige, echte Kontakte.

      Ich finde es auch toll, wenn man lang vermisste Menschen wiederfinden kann. Aber ich muss mich nicht mit Leuten vernetzen oder mich von denen kumpelhaft anhauen lassen, die mir schon immer völlig schnuppe sind. Klingt hart, aber dafür fehlt mir auch die Konzentration.

      Im „richtigen“ Leben stehe ich übrigens nicht mal im Telefonbuch! 😉

      „Auf der ganzen Welt verteilt“ klingt nicht danach, als könntet Ihr mal schnell ein Treffen organisieren. Aber Leute in der ganzen Welt zu kennen, kann natürlich ein Vorteil sein. Vor allem, wenn man gerne reist… Oder?

    • Ja, ich habe meine Gründe dafür. 😉

      Den „neuen“ Familiennamen der Schulfreundin weiß ich sogar, das hat aber trotzdem nicht geholfen. Ich google sie alle paar Monate mal, in der Hoffnung, dass sie doch noch mal irgendwo auftaucht.

  2. Yo, meinen Abflug von Stayf* hab ich auch unter anderem gemacht weil sich plötzlich Leute meldeten, von denen ich definitiv nix mehr wissen will. Das musste mir aber auch erst mal klar werden, dass ich regelrecht aggressiv auf bestimmte Namen reagiere. Schleimheilige Bande…

    Das mit dem Aussenseiter in der Schule ging mir genau so, ich weiss allerdings wo meine beiden (immer nur 1) Schulfreundinnen abgeblieben sind. Auch dieses Gefühl, froh zu sein, dass man so viel schon HINTER sich hat und nicht mehr VOR sich, kenn ich. Mir sind mit jedem aufploppenden „Mitschüler“ neue miese Dinge eingefallen, unter anderem eine Mobbing-Aktion bei der ich als Zeichner gegen eine andere Aussenseiterin eingesetzt wurde. Meine „Aufnahme in den Freundeskreis“ hat exakt bis zur Fertigstellung der Zeichnung gedauert.

    Ich bin froh, dass ich das Profil angelegt habe, und ich bin froh, dass mich das daran erinnert hat, wie beschissen Kinder und Jugendliche mit Aussenseitern umgehen, und jede kleinste Schwäche ausnutzen. „Gruppenmenschen“ wurden immer von ihrer Clique davor bewahrt, über Ausgrenzung, Mobbing und Psychotetrror nachzudenken, und auf diese Weise sind sie vollkommen hohl und unkreativ ins Erwachsenenalter hineingeraten. – Mein Leben wär das auch nicht, in einer Familienbrutzelle Arbeitskraft reproduzieren zu müssen.

    Geh mal davon aus, dass du deiner ehemaligen Freundin wiederbegegnen wirst, wenn du am allerwenigsten damit rechnest.

    • Ja, das wär‘ natürlich am Schönsten, darauf hoffe ich auch irgendwie. 😀

      Du hast das Gefühl viel besser beschrieben als ich, wenn sich plötzlich wieder so ein Puzzleteil aus der Vergangenheit meldet, das unwohle Gefühl, bestimmte Namen wieder zu hören. Es ging mir natürlich nicht bei allen so, aber bei Vielen. Und dazu dann dieses Irreale, wenn man Fotos sieht, auf denen die, die immer 15 geblieben waren, jetzt plötzlich 40 sind und nach Familienvorstand aussehen. Ganz komisch ist das. Und die Rollen sind immer noch verteilt wie früher…

      Ich bin auch froh, das mal ausprobiert zu haben und seit gestern aber irgendwie auch erleichterter als ich dachte. 😉

      • Und mir ist beim letzten Klassentreffen doch tatsächlich dieses Klischee passiert, dass ich eine meiner liebsten Schulfreundinnen fragte, welches Fach denn dieser Lehrer da hinten in der Ecke mit der Glatze gegeben hat. Und sie hat mich entsetzt angeguckt und gesagt:“Das ist doch der Lutz J., der sass doch immer schräg vor dir!“
        Tja, naja, was soll´s…Lutz darf mich beim nächsten Mal dafür fragen, welches Fach ich unterrichtet habe…Dann sage ich TURNEN und ERDKUNDE, und er wird staunen, wie jung ich dafür noch aussehe, hihi.

      • die Erleichterung kann ich gut nachvollziehen.

        Ich glaub ja, wir BRAUCHEN solche misslingenden Rückgriffe auf unsere Vergangenheit – einfach nur deswegen, damit wir nicht hoffnungslos ins Trällern geraten wie TOLL doch die Zeit damals gewesen sei, und dann gar per Liebäugelei versuchen, mit einem Retro-Gefiepe aus unserer Jetztzeit zu verschwinden. Irgendwie helfen solche Sörwisse wie „Stayf*“ dabei, einen da ganz schnell wieder zu erden.

        Und auch klar zu machen, dass wir irgendwas dazugelernt haben… und sei es nur die Löschtaste zu bedienen.

        Wenn wir erst mal 60 oder 70 sind, dann wird das bestimmt wieder spannend, die ollen Säcke wieder zu sehen, aber diese altersmäßige Grauzone, wo man bzw. frau planungstechnisch noch selber zum familiengründerischen Teil gehören könnte, halte ich für ne schwierige Zeit.

        Da kommen nicht nur die dummen „Enkelchen“-Fragen der eigenen Eltern, sondenr auch noch die dummen „in deinem Alter wirds aber Zeit“-Kommentare der anderen Mittelalten. Vielleicht auch deshalb diese hirnlose Anbalzerei…

        • Ich kann’s auch schon lange nicht mehr hören, dieses Generation-Golf-Gejodel. Die Retrowelle der Retrowelle, – geh‘ mir weck. Das wird von Mal zu Mal mehr Plastik.

          Nach Enkelchen fragt mich zum Glück keine(r), das liegt aber auch an der verhängten Nachrichtensperre. Und wenn mir einer mit „bei dir wird’s aber Zeit“ kommt, dann wird’s bei mir wirklich Zeit: Zu gehen, nämlich. 😉

          Sollte noch mal ein Klassentreffen sein, schicke ich vielleicht einfach eine Liste hin, weil ich zum Selbstabfragen nicht zur Verfügung stehe. Verheiratet: nein, Kinder: nein, Job: Dies’n’Das, Haus: nö, Million: nö, Auto: ein Tausendstel (Car-Sharing) an einem geilen Fuhrpark, „witzige“ Erinnerungen an die Schule: 0,2, usw.

          Um mehr geht’s da ja eh‘ nicht.

          • Generation Golf, höhö 😀 stimmt auffällig, am Golf wird immer mehr Plastik…

            und glaubste, die Generation Lupo kommt ungestrafter davon? Oder die Generation Hummer…

            „Also ich faah Fott“
            „Mehr Volk wagen!“
            „Bis du immer noch aufn linken Tripp? Du wars schon damals so’n Öko“
            „Also ich hab ja nun vom Doktor n Rezept für Neoplan verordnet bekommen und wollte das inner Apotheke abholen, da sachten die doch glatt, geht nich, das kann nur der Faahdienst liefern, und auch nur wenn ich Erdgeschoss wohn“
            „mit MEINEM Zaziki Viagra mach isch Alles platt – ALL-LES. Das glaubense garnich WO man überall DRÜBBER kommt mit dem“
            „Hähähähähähähä plattmachen un drübba hähähähähähähähä du Schelm, abba da MUSS ich dir mal wat über die Hilde erzähln“

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